21.8.25

Lexikon: Frank Arnau - Kapitel 3

 Kapitel 3

Kapitel 3 – Der Meister des Name-Dropping


In den 1960er-Jahren galt Frank Arnau längst als „erfolgreichster deutscher Kriminalschriftsteller“. Journalisten, die ihn porträtierten, waren fasziniert: von seinem riesigen Privatarchiv, seinem nahezu fotografischen Gedächtnis – und vor allem von seiner Fähigkeit, im Gespräch Namen zu streuen wie Konfetti.


So erzählte er gerne von einem Interview mit Lenin im Züricher Exil 1916 – angeblich in einer Hinterhofküche. Oder von seinem Gespräch mit Kurt Eisner 1919 in München. Dazu gesellten sich Erinnerungen an Schauspielerinnen, Wirtschaftsbosse, Politiker und sogar Kaiser Franz Joseph, den er als Fünfjähriger so nervös begrüßte, dass er ihm vor Aufregung ans Bein pinkelte. Der Spiegel bemerkte später trocken, diese „Angriffslust“ habe Arnau sein Leben lang kultiviert.


Hinter all dem Selbstdarstellerischen steckte jedoch eine klare Linie: Arnau war ehrgeizig, wissbegierig und sozialpolitisch interessiert. Im Wirtschaftswunderdeutschland galt er wegen seiner „linken Tendenzen“ als verdächtig – nicht zuletzt, weil er 1968 half, Heinrich Lübkes Verstrickung in den Bau von Konzentrationslagern aufzudecken. Im selben Jahr erhielt er einen Ehrendoktor der Humboldt-Universität in Ost-Berlin – laut FAZ „verdiente Anerkennung für einen Mann, der mit Kriminalromanen mehr für das Rechtsbewusstsein tat als mancher Jurist mit brillanten Gesetzeskommentaren“.

Doch Arnau war ein Mann voller Widersprüche. Einerseits arbeitete er nach dem Zweiten Weltkrieg als Industrie- und Wirtschaftsberater, half Konzernen wie Daimler-Benz bei ihrer Ansiedlung in Brasilien. Andererseits kämpfte er später im Nachkriegsdeutschland gegen die NPD und engagierte sich als Präsident der „Liga für Menschenrechte“ für Justizopfer.

Und in seinen Kriminalromanen? Dort klagen seine Polizisten oft über enge Dienstvorschriften, zapfen Telefone illegal an oder wünschen sich sogar die Rückkehr der Folter. Arnau, der Humanist, ließ seine Figuren Dinge sagen und tun, die man kaum mit seinem politischen Engagement in Einklang bringen konnte.

Eines war klar: Er ließ sich in kein einfaches Schema pressen. Nationalsozialisten hielten ihn für einen Kommunisten – doch er war nie einer. Am treffendsten charakterisierte ihn wohl der Schriftsteller Bernt Engelmann: als „aufrechten Antifaschisten“. Sein Lebensmotto brachte Arnau selbst so auf den Punkt: „Wo es einen Stärkeren gibt, immer auf der Seite des Schwächeren!“

Diese Haltung, so erinnerte er sich, gehe auf ein Gespräch mit einem Oberrabbiner zurück, das er als Jugendlicher in einem Zug geführt habe. Vielleicht eine Legende – aber eine, die zu Arnau passte.

In den 1920er-Jahren führte er ein rastloses Leben: Er wurde Deutscher Staatsbürger, betrieb ein Antiquitätengeschäft, ein Pressebüro, eine Werbeagentur, schrieb für zahlreiche Blätter, war Dramaturg am Würzburger Theater und PR-Chef der Adler-Automobilwerke. Seine erste Ehe ging in die Brüche, 1924 heiratete er erneut – Ruth Rickler – und zog 1929 nach Berlin. Dort arbeitete er bis 1933 als hochrangiger Berater für Daimler-Benz, BMW und die Deutsche Bank. Und natürlich schrieb er nebenher – immer „mittendrin im Weltgeschehen“.

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