21.10.17

Krimi der Woche

 Kronzeuge unter Druck

 Von Michael Rolandt
   

Mario Cinetti hatte Angst. Und Kommissarin Inga Beck konnte ihn gut verstehen. Der Italiener hatte als Kronzeuge im Prozess gegen Salvatore Gambetta ausgesagt, Inhaber eines Lebensmittelgroßhandels - und einer der Mafia-Bosse der Region.
   »Man mir zwar im Zeugenschutzprogramm eine neue Identität verschafft«, sagte Mario, als Inga Beck ihn in seinem Häuschen aufsuchte, »aber trotzdem fürchte ich mich. Sie wissen, dass mir Gambettas Tochter Clara im Gerichtssaal Rache geschworen hat?«
   »Machen Sie sich keine Sorgen!«, beruhigte die Kommissarin den Mann. »Sie leben hier jetzt unerkannt als Gino Rinaldo und arbeiten als harmloser Pizzabäcker.« Sie musterte Mario. »Außerdem haben Sie zugenommen!«
   »Das macht die Arbeit in der Pizzeria«, seufzte Mario. Er reichte der Kommissarin sein Handy mit einer SMS. »Die kam gestern.«
   »Verräter!«, lautete die Nachricht.
   »Ich brauche Geld!«, sagte Mario. »100.000 Euro, mindestens! Ich will abhauen, auf eigene Faust, ohne euren Zeugenschutz!«
   Ingas Kollege Reißmeier war für das Zeugenschutzprogramm zuständig. »Ein feines Früchtchen, dieser Mario!«, erklärte er. »Ich habe mich umgehört. Mario alias Gino hat enorme Schulden: Sportwetten ohne Ende. Außerdem trinkt er - deswegen ist er auch so fett geworden. Ich glaube, er hat sich diese SMS selbst geschrieben, um von uns 100.000 Euro abzukassieren.«
   Das überzeugte Inga Beck nicht ganz. Zur Sicherheit hatte sie Carla Gambetta vorgeladen. Die Tochter des Mafiosi war eine Schönheit - doch ihr Blick war eiskalt. »Wollen Sie sich immer noch an Mario Cinetti rächen?«, fragte Inga.
   »Sobald ich erfahre, wo er sich verkrochen hat, sind seine Tage gezählt!«, sagte Carla. »Haben Sie Probleme mit Gino? Hat er sich wieder aufs Wetten eingelassen? Hat er Sie um Geld gebeten?«
   »Haben Sie ihm eine SMS geschickt?«, bohrte die Kommissarin.
   »Kein Kommentar!«, sagte Clara. »Wenn Sie noch Fragen haben: Rufen Sie meinen Anwalt an!«
   »Den rufen Sie am besten selbst, denn Sie bleiben erst einmal hier, bis wir Mario in Sicherheit gebracht haben. Sie kennen nämlich sehr wohl seine neue Identität.« 
   »Woher ...«, fragte ihr Kollege Reißmeier gleich darauf. Er hatte Ingas Gespräch mit der Mafia-Tochter aus dem Nebenraum verfolgt.
   »Ganz einfach - Carla sprach einmal von Gino, als sie Mario meinte. Also kennt sie seine neue Identität als Gino Rinaldo.«



Michael Rolandt:
Kronzeuge unter Druck
Badische neueste Nachrichten 40/2017
© by author/Jahn facts&fiction

16.10.17

Orson Welles: Mister Arkadin


Ein Roman ganz im Stil der Filme von Orson Welles.


Gus van Stratten, ein Abenteurer, der sich an der französischen und spanischen Küste herumtreibt, entdeckt, dass sich hier auch Mister Arkadin lebt, ein schwerreicher Geschäftsmann, der sein Leben in absolute Diskretion hüllt, keine Fotoaufnahmen von sich duldet und deswegen schon nahezu sagenumwoben ist. 
Van Stratten macht sich an Arkadins Tochter Reina heran, doch Arkadin hat ihn durchschaut und konfrontiert ihn mit einem Dossier, das er mittlerweile über van Stratten hat zusammenstellen lassen. Aus dieser Situation entsteht im Gespräch die Idee von Arkadin, van Stratten damit zu beauftragen, auch ein solches Dossier über ihn zusammenzustellen (angeblich geht es um einen amerikanischen Regierungsauftrag, für den Arkadin sich seiner weißen Weste versichern will). 
Gus stimmt zu und findet schnell heraus: Arkadin war zu Beginn seiner Karriere nicht mehr als ein kleiner polnischer Gangster. 
Ein Roman ganz im Stil der Filme von Orson Welles, mit vielen Elementen aus den Produktionen der Schwarzen Serie, hier aber auch verbunden mit einigen Motiven , wie sie auch in »Die Maske des Dimitrios« von Eric Ambler auftauchen. Der erzählerische Impuls überträgt sich nahezu spontan auf den Leser, der dann am Ende sogar die eine oder andere unglaubhafte Wendung im Kauf nimmt.

Filmplakat Mr Arkadin
Der Roman scheint eine Version des Films »Mister Arakdin«/»Confidential Report« von  Orson Welles zu sein, der in Deutschland unter dem Titel »Herr Satan persönlich« gezeigt wurde. Orson Welles selbst bestritt allerdings nicht nur die Existenz des Romans, sondern auch die Autorenschaft.



Orson Welles:
Mr. Arkadin (Monsieur Arkadin / Mr. Arkadin)
Deutsch von Michael Farin und Hans Schmid
rororo 22176 (Feb 1998)
(C) 1955 by Editions Gallimard, Paris
(C) 1997 deutsch Rogner und Bernhard
Mehr zum Film bei Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Herr_Satan_pers%C3%B6nlich

14.10.17

US-amerikanische Kriminalautoren

Raymond Chandler (1888 - 1959)
Der Held seiner Kriminalromane ist der Privatdetektiv Philip Marlowe, der sein Geschäft in Los Angeles betreibt. Chandler entwickelt die Figur zunächst in einer Reihe von Kurzgeschichten, die er ab 1933 für das Pulp-Magazin (Groschenheft) "Black Mask" schreibt. Sechs Jahre später erscheint der erste Marlowe-Roman "Der große Schlaf". Daraufhin wird Chandler bald von der Filmindustrie Hollywoods engagiert und schreibt unter anderem Drehbücher für Billy Wilder ("Double Indemnity") und Alfred Hitchcock.

Rex Stout (1886 - 1975)
Im Mittelpunkt seiner rund 50 Romane steht der dickleibige und zumeist übellaunige New Yorker Privatdetektiv Nero Wolfe. Rex Stout stattet seinen Helden, dessen erstes Abenteuer er 1934 als Fortsetzungsroman für eine Zeitung schreibt, mit dem genialen Kombinationsvermögen eines Sherlock Holmes aus. Zu Wolfes Leidenschaften gehören die Orchideenzucht und gutes Essen.

Erle Stanley Gardner (1889 - 1970)
Der Schöpfer des Staranwaltes Perry Mason ist selbst Jurist. Zunächst schreibt er neben seiner Tätigkeit als Strafverteidiger unter einem halben Dutzend Pseudonymen Kurzgeschichten für das "Black Mask"-Magazin. 1933 erscheint der erste Perry Mason-Roman. Von den insgesamt 80 Mason-Abenteuern werden viele für das Kino verfilmt. Von 1957 bis 1973 spielt Raymond Burr in 200 Episoden einer Fernsehserie den Anwalt. Um zu beweisen, daß er nicht nur mit Perry Mason erfolgreich sein kann, schreibt Gardner ab 1939 unter dem Pseudonym "A. A. Fair" zahlreiche Privatdetektivromane.

Ross MacDonald (d.i. Kenneth Millar, 1915 - 1983)
Der in Kalifornien geborene und in Kanada aufgewachsene Literaturwissenschaftler Kenneth Millar veröffentlicht zunächst Gedichte und einen Romane über das Hitler-Deutschland. Ab 1949 schreibt er unter dem Pseudonym "Ross MacDonald" Kriminalromane. Sein Held ist der Privatdeteketiv Lew Archer aus Los Angeles. Er tritt in insgesamt 18 Romanen auf und gilt als der legitime Nachfolger von Chandlers Philip Marlowe und Hammetts Sam Spade. Ross MacDonalds Ehefrau ist die Krimischriftstellerin Margaret Millar (1915 - 1994).
 

Ed McBain (d.i. Evan Hunter, 1926 - 2005)
Der Erfinder des legendären "87. Polizieireviers" wurde als Sohn italienischer Eltern unter dem Namen Salvatore A. Lombino in New York geboren. Er wurdeLehrer und schrieb unter dem Pseudonym "Evan Hunter", das er später als richtigen Namen annahm, den Bestseller "Saat der Gewalt", der erfolgreich verfilmt wurde. Ab 1956 veröffentlichte er regelmäßig als "Ed McBain" Romane um die Mannschaft des "87. Polizeireviers". Die Geschichten um die Detektive Steve Carella und Meyer Meyer wurden zu Klassikern des Polizeiromans.



Mord nach Rezept

Ermittlerkrimis, Ganovenkrimis, Ladykrimis, Psychokrimis,  Schnüfflerkrimis, heitere Krimis - alles ist in: Mord nach Rezept.
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1.10.17

Tilmann Spreckelsen
Das Nordseegrab


Husum, 1843. Der Schreiber Peter Söt tritt seinen Posten bei dem jungen Anwalt Theodor Storm an, der sich – noch gemeinsam mit seinem Vater - um die Rechtsgeschäfte der Husumer kümmert. Aufregung gibt es, als in einem Lager von Storms Vater eine »Leiche« in einem Kartoffelfass gefunden wird – die sich dann allerdings als lebensechte, Storm senior nachempfundene Wachspuppe entpuppt. Doch was bedeuten die Namen, die an der Wand des Lagers geschrieben wurde? Kurz darauf wird ein wohlhabender Husumer beim ermordet und es scheint klar, dass die Vorfälle etwas mit dem Schiffbruch der »Hesperus« zu tun haben, einem Jahre zurückliegenden Unglück, an das man sich besonders in der Kaufmannsschaft von Husum und Umgebung gut erinnert. Der junge Anwalt Theodor Storm beginnt zu ermitteln.

Tilmann Spreckelsen hat sich intensiv mit Husum, der Geschichte der Stadt und natürlich  dem Leben von des Dichters Theodor Storm (1817-1888) beschäftigt und verwebt alle diese Kenntnisse mit einer Kriminalgeschichte, die angenehm unkonventionell abseits der aktuellen Krimipfade daherkommt. Sozusagen Theodor Storm-like zurückhaltend und mit viel norddeutscher Atmosphäre aufgeladen.
(Reinhard Jahn WDR5 Mordsberatung)

Tilmann Spreckelsen
Das Nordseegrab
Fischer TB

25.9.17

Noch mehr Ratekrimis zum Selberlösen

Neue Ratekrimis zum Selberlösen

40 neue Fälle für Kommissarin Marlene Kemper

Von H.P. Karr
 Clever und aufmerksam - das ist Kommissarin Marlene Kemper. Clever und aufmerksam muss auch der Leser sein, der mit ihr auf Mörderjagd geht. Denn in jedem dieser 40 neuen Ratekrimis gibt es versteckte Hinweise und Indizien, aus denen man gemeinsam mit Marlene Kemper ermitteln kann, wer der Täter war, welches Alibi falsch ist oder wie man einen Gauner überführen kann.



 

Ob man richtig gelegen hat, wenn Marlene Kemper zu ihrem Kollegen meint »Wir haben den Fall gelöst«, erfährt man in der Lösung am Ende jedes Story.

Krimis zum Mitkombinieren und Mitraten - genau die richtige Mischung für echte Krimifans. Klug ausgedacht und mit einem Augenzwinkern erzählt von H.P. Karr.

Außer Ratekrimis schrieb H.P. Karr zahlreiche Kriminalstorys für Zeitschriften und den Rundfunk, sowie erfolgreiche Kriminalromane. Zuletzt erschienen von ihm das Story-Serial »KOEHLER« und der Krimi »Der Mord macht die Musik«. 


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21.9.17

Krimi des Tages:
Totenblumen

Totenblumen

Von H.P. Karr




Das Grab war gemacht worden. Weiße Lilien lagen vor dem Grabstein.
    Eric Ritter 1979-2012
    Vivian legte ihren Blumenstrauß aufs Grab. Der Friedhof von Hüls vor den Toren von Krefeld lag still im Abendlicht. Ein leichter Herbstwind ließ die Blätter rascheln. Vor vier Wochen, als sie aus den USA zurückgekommen war, hatte sie zum ersten Mal festgestellt, dass Erics Grab gepflegt wurde.
    Von wem?
    Immer lagen weiße Lilien vor dem Grabstein. Totenblumen. Eric war damals um halb neun am Abend auf seiner Joggingstrecke am Hülser Berg von einem Wagen überrollt worden. Unfall mit Fahrerflucht, meinte die Polizei.
    Vivian war sicher, dass Eric ermordet worden war, doch Kommissar Brenner hatte sich scheinbar nicht um ihren Verdacht gekümmert. Dann hatte die Firma sie für ein Jahr in ihre Filiale in den USA geschickt. Sie hatte nichts dagegen, weil es nichts mehr gab, was sie in Krefeld hielt. Eric und sie hatten heiraten wollen - er war Forschungsleiter bei dem großen Konzern in Krefeld gewesen, bei dem Vivian als Fachübersetzerin arbeitete.
    Als die Frau im schwarzen Mantel auftauchte, zuckte sie zusammen. Helga! Die große, sportliche Blondine hatte einen Strauß Lilien dabei.
    »Hallo, Vivian!« Helga legte die Blumen aufs Grab.
    Vivian räusperte sich. »Warum bist du …«
    »Du weißt doch, dass Eric und ich uns sehr nahe gestanden haben«, sagte Helga kühl. Sie war mit Eric zusammengewesen, ehe er Vivian kennenlernte. Und Vivian erinnerte sich nur zu gut daran, wie Eric unter den Szenen gelitten hatte, die sie ihm bei der Trennung machte.
    »Aber sie muss sich damit abfinden«, hatte Eric ihr versichert. »Ich liebe nur dich, Vivian!«
    Es war still auf dem Friedhof. Außer einem Mann, der hinten am schmiedeeisernen Tor zur Tönisberger Straße stand, war niemand zu sehen.
    »Du verstehst doch, dass ich ihn nicht gehen lassen konnte«, sagte Helga. »Eric gehörte zu mir.«
    Ein entsetzlicher Gedanke schoss Vivian durch den Kopf. »Was sagst du da?« Helga lebte hier in Hüls, ganz in der Nähe von Erics Joggingstrecke. Und sie war eine leidenschaftliche Frau. Leidenschaft und Unbeherrschtheit lagen nah beieinander. Genau wie Liebe und Hass.
    »Sein Unfall …«, sagte Vivian. Plötzlich war ihr alles klar. »Du hast ...«
    »Ich hab ihn auf einmal vor mir gesehen, beim Joggen«, zischte Helga. »Es war dunkel, und ich hatte nur ausnahmsweise die Strecke genommen ...« Sie kicherte böse. »Wenn ich ihn nicht haben konnte - dann solltest du ihn auch nicht haben!«
    Der Mann vom Tor kam heran. Er trug eine Art Uniform.
    »Kommen Sie?«, sagte er zu Helga.
    »Sie ist eine Mörderin!«, schrie Vivian.
    »Ich weiß«, sagte der Mann. »Sie hat ihren Ex-Lebensgefährten überfahren. Es hat lange gedauert, bis Kommissar Brenner sie überführen konnte. Zehn Jahre hat sie bekommen. Und weil sie sich gut führt, hat der Direktor der Frauen-JVA Willich ihr einmal im Monat Ausgang gewährt. Damit sie das Grab pflegen kann.«
    Die Sonne verschwand. Es wurde plötzlich kalt auf dem Friedhof. 

H.P. Karr:
Totenblumen

auf einen blick Heft 29/2013
 © by aeb & Autor
Weiterverbreitung nur mit schriftlicher Genehmigung

20.9.17

Krimi des Tages:
Moni plant das Superding



 Moni plant das Superding

 Von Ralph Petersen


»Du bist und bleibst eben ein kleines Licht!«, verkündet Moni. Der Wirt der Wattenscheider Bahnhofskneipe poliert betont unauffällig seine Biergläser. Oskar Schreitzmeyer scheint unter den harten Vorwürfen seiner Freundin, die neben ihm am Tresen steht, immer mehr zusammenzuschrumpfen. »Seit vier Wochen hast du kein einziges Ding mehr gedreht«, beschwert Moni sich jetzt. »Wovon sollen wir leben? Unser Geld geht zu Ende!«
     »Ich versuchss ja«, rechtfertigt Oskar sich, und wie immer, wenn er aufgeregt ist, lispelt er. »Aber esss geht eben immer etwass sschief! Außerdem hat Kommissar Kelsterhusen mich auf dem Kieker!«
     »Papperlapapp!« Moni fischt wütend die Tageszeitung hinter dem Tresen hervor. »Es wird Zeit, dass du etwas tust!« Sie tippt auf einen Polizeibericht. »Lies das!«
     »Zum fünften Mal schlug gestern der Jogging-Räuber zu«, liest Oskar. »Der Juwelenräuber bedrohte den Schmuckhändler Horst Brenner in seinem Laden am August Bebel-Platz mit einer Waffe und bat mit höflichen Worten um sämtlichen vorhandenen Schmuck. Der Räuber war mit einem froschgrünen Jogging-Anzug, einer roten Kappe und blauen Turnschuhen bekleidet und joggte nach dem Überfall durch den Stadtpark davon.«
     »Verstehst du?« Moni dämpft ihre Stimme. »Das ist unser Superding. Wir werden einfach die Masche dieses Jogging-Räubers nachmachen und einen Juwelier überfallen. Die Bullen werden denken, dass der Jogging-Räuber wieder am Werk war und sich gar nicht um dich und mich kümmern.«
     »Moni, du bisst genial!«, jubelt Oskar lispelnd. 
     »Schrei doch noch lauter!« faucht Moni. »Damit die Polizei es auch hört. Morgen fangen wir mit den Vorbereitungen an!«
     Drei Tage später betritt ein nervöser Mann in einem froschgrünen Jogginganzug, einer roten Kappe und blauen Turnschuhen den Laden des Juweliers Schreiner am Alten Markt. Der Jogger zieht sein Halstuch vor den Mund und holt dann eine Pistole aus seinem kleinen Sport-Rucksack. Er richtet die Waffe auf den vollkommen verblüfften Juwelier.
     Unter seiner roten Kappe schwitzt Oskar vor Angst und Nervosität. Er hat Mühe, die Waffe ruhig zu halten. »Bitte haben Ssie die Freundlichkeit und packen Ssie mir etwass Schmuck ein!«, sagt er. »Ssonst ssehe ich mich gezwungen, zu schießen!«
     Die feinen Sätze hat sich Moni ausgedacht und mit Oskar geübt.
     Der Juwelier beginnt langsam, den Schmuck aus den Vitrinen in Oskars Sportrucksack zu packen. Das klappt wie am Schnürchen! denkt Oskar. Moni hat eben immer noch die besten Ideen.
     Zu spät bemerkt er, dass der Juwelier den Alarmknopf an der Seite der Vitrine gedrückt hat. Eine Sirene heult los. Oskar holt aus und schlägt den Juwelier mit dem Kolben seines Pistole nieder. Schnell rafft noch ein paar Ringe zusammen und sucht das Weite.
     Eine halbe Stunde später steht Hauptkommissar Kelsterhusen in dem Juwelierladen und sieht der Spurensicherung bei ihrer Arbeit zu. »Herr Schreiner, der Juwelier, ist im Krankenhaus!« berichtet seine Kollegin Vicky Funk. »Er sagt, es sei der Jogging-Räuber gewesen.«
     »Das ist nun schon der sechste Überfall der auf sein Konto geht!«, knurrt Kelsterhusen.
     Einer der Beamten bringt ihm einen Metallkoffer. »Der stand in der Werkstatt! Ich denke, Sie sollten sich den Inhalt einmal genauer ansehen.« Kelsterhusen öffnet den Koffer. Darin liegen ein froschgrüner Jogginganzug, eine rote Kappe und blaue Turnschuhe. »Na sowas!«, sagt der Kommissar.
     Am Abend wird bei Oskar gefeiert. Moni wühlt mit glitzernden Augen in dem Schmuck. In ihrem Haar steckt ein Diadem, ein halbes Dutzend Perlenketten hängen an ihrem Hals und an jedem Finger stecken mindestens zwei Ringe. »Das hast du gut gemacht!«, lobt sie Oskar.
     Oskar fühlt sich geschmeichelt, als er auch noch einen Kuss bekommt. Vielleicht, denkt er, ist Moni heute Nacht noch so nett zu mir.
     Als es an der Tür pocht, schrecken die beiden zusammen. Ehe sie sich versehen, stürzen Kommissar Kelsterhusen und seine Kollegin Vicky Funck herein. Und schon klicken die Handschellen bei Oskar. Auch Monis Schmuckkollektion wird um ein paar Edelstahlarmbänder bereichert.
     »Da hast du dir ja ein tolles Ding geleistet!« sagt Kelsterhusen. »Schreiners Laden war nicht nur mit einer Alarmanlage, sondern auch mit einer Videokamera ausgestattet, die mit dem Alarm ausgelöst wurde. Auf dem Video bist du zwar nur undeutlich erkennen, aber dein Sprachfehler ist nicht zu überhören. Aber das Tollste ist, Oskar - du hast den Jogging-Räuber persönlich beraubt. Juwelier Schreiner war seit einiger Zeit in finanziellen Schwierigkeiten und raubte in dieser Verkleidung seine Kollegen aus, wie er uns inzwischen gestanden hat.«
     »Ich habss ja gessagt«, meint Oskar achselzuckend zu Moni. »Irgendwass geht immer sschief!«
     
Ralph Petersen:
Moni plant das Superding

Die neue Frau Heft 26/2013

© by  DNF & Autor
Weiterverbreitung nur mit schriftlicher Genehmigung

 

19.9.17

Krimi des Tages: Iny löst den Fall



Iny löst den Fall

Von Marek Stein


Arno Moll lächelte Iny Kremer an. »Ich brauche eine Rechtsanwältin.« Inys Kanzlei lag beim Bonner Stadthaus und die Miete war nicht gerade billig. Da kam ein Mandant wie Moll gerade recht. Der schöne Arno war Anlageberater. »Meine Sekretärin Vera Gerold ist vor einigen Tagen verschwunden«, sagte er. »Und jetzt hat man Veras Leiche gefunden. Man denkt, ich hätte sie umgebracht.«
    »Wir wollten Ihren Mandanten vorhin verhaften«, knurrte Kommissar Harras, als Iny ihm wenig später im Präsidium Molls Vollmacht zeigte. »Aber er war verschwunden! Sagen Sie mir, wo er ist!«
    Iny hob nur die Schultern. »Keine Ahnung.«
    »Moll fährt einen grünen Alfa Romeo«, sagte Harras. »Vera Gerold wohnte draußen in Tannenbusch. Ihre Nachbarin hat gesehen, dass sie am Samstag gegen 16 Uhr von einem Mann in einem solchen Wagen abgeholt wurde. Moll hat für diese Zeit kein Alibi.«
    »Aber warum sollte Moll seine Sekretärin umgebracht haben?« wollte Iny wissen.
    Der Kommissar lächelte knapp. »Weil wir seit Wochen wegen Betrugs gegen Moll ermitteln«, sagte er. »Und Vera Gerold wollte uns Informationen über seine Geschäfte geben.«
    Veras Nachbarin Mathilde Berger war 64 und ein »rheinisch Mädche«, wie sie versicherte, als sie mit Iny bei einer Tasse Kaffee und einem Gläschen Eierlikör zusammensaß.
    »Hatte Vera einen Freund?«, fragte Iny.
    »Na, den Herrn Urbach«, sprudelte es aus Mathilde heraus. »Kein anjenehmer Meensch. Autoverkäufer, verstehste?«
    »Und wer hat die Vera am Samstag in dem jrünen Auto abjeholt?«, bohrte Iny. »Erinner disch, Mathilde!«
    »Dat war so 'n Ausländer«, meinte Mathilde. »Denn der hat so 'n rotes Nummernschild am Wagen jehabt.«
    Der Chef des Autohauses, den Iny kurz darauf befragte, sagte: »Herr Urbach ist seit Montag krankgemeldet.« Es war das siebte Autohaus in Bonn, in dem sich Iny nach Veras Freund erkundigte.
    Iny musterte den grünen Alfa Romeo im Verkaufsraum. Dann holte sie hr Handy heraus und rief die Polizei.
    »Wir haben Urbach gefasst,« sagte Kommissar Harras am nächsten Nachmittag. »Er hat gestanden, Vera getötet zu haben. Er hatte sich den grünen Alfa Romeo mit dem roten Versicherungskennzeichen im Autohaus ausgeliehen.«
    »Es war reiner Zufall, dass Urbach sich einen Wagen lieh, der Molls Auto glich«, sagte Iny. »Warum hat er Vera umgebracht?«
    »Sie hatten Streit, er war eifersüchtig, und dann sind ihm die Sicherungen durchgebrannt«, meinte Harras achselzuckend. »Wat wellste maache!«
    Am nächsten Tag begleitete Iny ihren Mandanten Arno Moll zu Kommissar Harras. Nachdem er seine Ausssage im Fall Vera Gerold unterschrieben hatte, stand Moll auf. »Das war's dann ja wohl!«
    »Nun ja«, meinte Harras. »Der Mordverdacht ist zwar aus der Welt. Aber dafür haben wir in Veras Wohnung die Beweise für Ihre Betrügereien gefunden, die sie uns geben wollte. Deswegen sind Sie jetzt erst mal verhaftet, Herr Moll.«
    Iny starrte Harras an. Der zuckte mit den Schultern. »Wenn man einen Verbrecher schon mal vor sich hat, muss man seine Chance nutzen. Sie wissen ja: Et is, wie et is!«



Marek Stein:
Iny löst den Fall

auf einen blick Heft 26/2013
© aeb&Autor
Weiterverbreitung nur mit schriftlicher Genehmigung

14.9.17

Ria Klug
Vollpfostenfango




Vollpfosten in Aktion
Torsten Hantsch ist wieder da. Nach dem "Vollpfostentango" auf Amrun kommt er mit dem Auslöser des Dilemmas - einem Feuerlöscher mit zehn Kilo Kokain, zurück ins heimische Bad Grunz. Und strauchelt sofort in ein neues Chaos.
Schnell liegt im "Vollpfostenfango" von Ria Klug  der Chef  der Kurverwaltung tot in Torstens Keller, haben sich die dauerbekifften Geschwister Malte und Anna aus dem Nachbargarten den Koks-Feuerlöscher geschnappt und versucht die Polizei penetrant weiter, Torsten etwas wegen der Drogen anzuhängen.
Das ist wieder Krimi hart an der Grenze zur Farce, detailreich in allen Spielarten der Komik durchgespielt. Vom spitzfindigen Kalauer über fixe Comedy-Dialoge bis zum absurden Slapstick jagt Ria Klug ihren tragi-komischen Helden wieder bis an die Grenze seiner Leidensfähigkeit. Und da alles zum Vergnügen der Leser.    rja
Perfekte Comedy (Vier Sterne)
Ria Klug:
Vollpfostenfango
Grafit, 189 Seiten,


NRZ / Funke-Medien
25.9.2017

WAZ / Funke-Medien
14.09.2017

13.9.17

Christa Bernuth
Die Nacht in dir



Der Mörder in dir
Ein Mörder als Ermittler – das ist eine gewagte Ausgangssituation, die Christa Bernuth für ihren aktuellen Thriller "Die Nacht in dir" wählt. Lukas Salfeld hat einmal ein Mädchen getötet und wurde dafür verurteilt. Jetzt ist er wieder frei – unter engmaschiger Beobachtung von Psychologen und Polizei. Als es in einem Nobelinternat zu seltsamen Schülerselbstmorden kommt, hält Kommissarin Sina Rastegar es für eine gute Idee, Salfeld undercover als Hausmeister in die Schule einzuschleusen. Was der labile Amateur-Profiler bei seinen Ermittlungen herausfindet, liegt jenseits aller Vorstellungen, die sich die Kommissarin je gemacht hat. Und es rührt zugleich an Salfelds niederste Instinkte. Souverän werden die in dem exquisiten Psychothriller die zahlreichen Handlungsstränge miteinander verwoben und das Spannungspotential bis zum Anschlag ausgeschöpft. Das Ergebnis spielt in der selben Liga mit den aktuellen Superthrillern aus Skandinavien oder England.   rja
Nervenkitzel pur (fünf Sterne)

Christa Bernuth:
Die Nacht in dir
dtv, 416 Seiten

Edgar Franzmann
68



Revoluzzer am Rhein
In einer Kölner Kleinkunstbühne feiert eine Clique Alt-68er in den 68sten Geburtstag von Paul Rubin hinein – als dessen Torte explodiert und sich ein  Napalm-Feuer ausbreitet. Doch der Tote, den man später findet, wurde nicht Opfer der Flammen – er ist bereits vorher ermordet worden.
Was steckt dahinter? Linker oder rechter Terror? Alte Rechnungen oder aktuelle Auseinandersetzungen? Georg Rubin, Bouelvardreporter und Sohn des Geburstagskindes gerät mitten in die Ermittlungen. Als sein Vertrauter bei der Polizei kaltgestellt wird, hat er schon dessen diskreten Auftrag angenommen: Unter den Alt-68ern im Umfeld seines Vaters zu ermitteln, wer für die Tat in Frage käme. Und dann brennt plötzlich ein Kaufhaus in der Kölner City – genau wie damals.
Alte Kämpfe, neue Karrieren – was wurde aus den 68er-Rebellen, wie haben sie sich arrangiert? Edgar Franzmann, intimer Köln Kenner und Ex-Journalist liefert in seinem Roman "68" viel kölsches Kolorit und ein mit Sorgfalt gezeichnetes Portrait der Revoluzzer-Generation.      rja
Zeitgeistig (Vier Sterne)

Edgar Franzmann:
68
Emons, 272 Seiten

12.9.17

Crime Cologne Award 2017 - Shortlist

Pressekonferenz zur Crime Cologne und zum Crime Cologne Award.
Vom 25. September bis zum 1. Oktober 2017 findet in Köln die sechste Auflage des Krimifestivals »Crime Cologne« statt.

Pressekonferenz Crime Cologne 12.9.2017  Foto: Jahn

Unter anderem sind dabei: Ingrid Noll, Deon Meyer mit seiner deutschen Stimme Peter Lohmeyer, Arne Dahl  dem als deutsche Stimme Gerd Köster zur Seite steht, Martin Walker – auf deutsch gelesen von Roland Silbernagl, Volker Kutscher, der selbst mit seiner deutschen Stimme liest, genau wie auch Andreas Pflüger, Max Annas– und noch viele mehr.


Shortlist Crime Cologne Award 2017   Foto: Jahn
Auf der Shortlist zum Crime Cologne Award stehen in diesem Jahr - wie Jurysprecherin Antje Deistler​ (links im Bild) bekannt gab - in alphabetischer Reihenfolge :
-Max Annas: Illegal
- Brigitte Glaser: Bühlerhöhe
- Gregor Weber​: Asphaltseele
Einen Sonderpreis der Jury gibt es für Friedrich Ani​ für seine "herausragenden Leistungen und seine Verdienste um den deutschen Kriminalroman."
Die Jury des Crime Cologne Award bestand aus:
Antje Deistler, Melanie Raabe​, Margarete von Schwarzkopf, Orkun Ertener und Klaus Bittner

11.9.17

Sven Heuchert
Dunkels Gesetz



Dunkles Debüt
Irgendwo im Rheinland, ein Steinbruch. Richard Dunkel, Ex-Söldner, Sicherheitsmann, soll die Anlage bewachen, weil es in der Gegend ein Verbrechen gegeben hat. Im nahen, gottverlassenen Ort Altglück, versucht unterdessen Tankstellenbesitzer Achim mit dem schmierigen Drogendealer Falco ins Geschäft zu kommen.
Verlierer allesamt, die Sven Heuchert in seinem grandiosen Debüt Dunkels Gesetz ins Rennen schickt.. In einer Landschaft, die ansonsten dreist nach belanglosem "Regionalkrimi" schreit, siedelt er sein schwarzes Existenzialisten-Drama an. Nur knapp 200 Seiten lang, aber mit sprachlicher Wucht und Finesse erzählt, die die meisten der üblichen deutschen Krimi-Verdächtigen nicht zustande bringen. Die düstere Provinzgeschichte von verlorenen Träumen, Gewalt und Tod ist bislang eindeutig der stärkste deutsche Krimi des Jahres.      rja
Schwarz und gut (fünf Sterne)
Sven Heuchert:
Dunkels Gesetz
Ullstein, 192 Seiten

 
NRZ / WAZ / Funke-Medien
11.09.2017

8.9.17

Sam Bourne
Der Präsident



Präsident außer Kontrolle
Der neue US-Präsident ist kaum im Amt, da verlangt er auch schon aus reiner Verärgerung die Atomcodes für den Erstschlag gegen Nordkorea. Nur mit Mühe kann sein Stabschef ihn daran hindern, Pjöngjang in Schutt und Asche zu legen. "Der Präsident", den Sam Bourne in seinem Thriller zeichnet, ist mit seiner Egomanie und seinen erratischen Verhalten sicher nicht zufällig eine Blaupause des aktuellen US-Machthabers. Was man von dem Komplott, das sein Stabschef gemeinsam mit dem Verteidigungsminister schmiedet, nicht zu hoffen wagt. Die beiden planen nicht mehr und nicht weniger als den Königsmord, um zu verhindern, dass der erste Mann im Staat die Nation und die Welt in Verderben stürzt.
Die mit ihren thrillerhaften Wendungen eher grob geschnitzte Mischung aus "House of Cards" und "Game of Thrones" sollte man eher als durchgeknallte Politsatire lesen – denn nur so funktioniert sie.      rja
Hauruck-Politthriller (zwei Sterne)
Sam Bourne:
Der Präsident
Bastei-Lübbe, 480 Seiten

NRZ / WAZ / Funke-Medien
8.9.2017

5.9.17

Anne Chaplet
In tiefen Schluchten



Cevennen-Krimi
Mit ihren zeitkritischen Romanen um die Frankfurter Staatsanwältin Karen Stark hat sich Anne Chaplet einen Stammplatz an der Spitze der deutschen Krimiszene erschrieben. Jetzt kommt ihr aktueller Krimi im stimmungsvollen Urlaubsdesign daher. "In tiefen Schluchten" präsentiert uns zudem eine neue Heldin: Viktoria "Tori" Godon, 42, Ex-Anwältin als Frankfurt, frisch verwitwet, hat sich in die wilde Landschaft des Vivarais am Fuße der Cevennen zurückgezogen, um zur Ruhe zu kommen. Dabei gerät sie eher beiläufig in einen ungewöhnlichen Kriminalfall um einen verschwundenen holländischen Höhlenforscher und die schwere historische Hypothek des beschaulichen Urlaubsortes. Dieses Ambiente kann niemand so farbig und lebensprall, so charmant und voller Empathie für die wilde Landschaft und ihre Menschen beschreiben wie die Wahlfranzösin Anne Chaplet.  rja

Urlaubskrimi mit Niveau (Vier Sterne)
Anne Chaplet:
In tiefen Schluchten
KiWi, 320 Seiten, 

NRZ / WAZ / Funke Medien 2.9.2017

WAZ / NRZ / Funke-Medien
2.9.2017

4.9.17

Krimi der Woche
Geständnis im Knast


Ein Fall für Vicky Kant:

Geständnis im Knast

Von H.P. Karr


Der Gefängnisdirektor empfing Rechtsanwältin Vicky Kant an der Pforte der Haftanstalt. »Marek wartet in der Besuchszelle.«
Henry Marek war ein schmächtiger Mann, kaum 1,65 Meter groß.
  »Ich möchte ein Geständnis ablegen«, sagte er. »Ich habe Heinz Koester ermordet!«
  Vicky war überrascht. Der kleine Mann saß wegen Unterschlagung. Vor einem Jahr hatte sie ihn verteidigt, weil er in seiner Firma 250.000 Euro abgezweigt hatte.
  »Wegen des Mordes an Heinz Koester wurde Edwin Gering verurteilt«, sagte Vicky. »Der sitzt doch auch hier, oder?«
  »Wir haben uns ein halbes Jahr eine Zelle geteilt«, sagte Marek.  »Ich will nicht, dass ein Unschuldiger im Gefängnis sitzt.«
  »Gering war der Geschäftspartner des toten Koester«, erinnerte sich Vicky. »Koester war der ›King of the City‹, nicht nur weil ihm sechs Clubs gehörten, sondern auch, weil er mit seinen 180 Kilo eine beeindruckende Erscheinung war. Woher haben Sie denn den ›King‹ gekannt?«
  Marek rutschte auf seinem Stuhl herum. »Ich habe in seinen Clubs gespielt. Koester wusste, dass ich das Geld unterschlagen hatte. Damit erpresste er mich. Deshalb bin ich vor drei Jahren in der Nacht vom 28. auf den 29. August zu Koesters Villa gefahren. Es war gegen 23 Uhr. Niemand hat mich gesehen. Er bat mich nach oben in sein Arbeitszimmer ...« Marek schöpfte Atem. »Dort habe ich ihn erschossen. Danach habe ich Koesters Leiche nach unten geschleppt und im Garten vergraben, wo man sie später gefunden hat.«
  Vicky sah den kleinen Mann zweifelnd an. »Überschlafen Sie Ihr Geständnis besser noch einmal eine Nacht!«, sagte sie.
  Der Gefängnisdirektor persönlich brachte Vicky über den Hof zurück. Im Hof zog ein bulliger Kerl seine Joggingrunden. »Edwin Gering!«, sagte der Direktor. »Marek war mit ihm in einer Zelle, bis er seine Diagnose bekam: Krebs. Marek hat nur noch drei Monate zu leben.«
  Vicky seufzte. »Deshalb will er jetzt Gerings Mord auf sich nehmen - damit Gering freikommt. Von Gering kennt er die Einzelheiten, deshalb klang sein Geständnis auch ganz überzeugend.«
  »Aber?«, fragte der Direktor.
  Vicky deutete auf dem massigen Gering. »Der tote Koester war 180 Kilo schwer und sehr groß. Man nannte ihn ja nicht umsonst den ›King‹. Für einen schmächtigen Kerl wie Marek mit seinen kaum 65 Kilo wäre es unmöglich gewesen, Koesters Leiche aus der Villa und durch den Garten zu schleppen.«
  »Dann ist Marek also kein Mörder?«
  »Nein«, sagte Vicky. »Bloß ist es komisch, dass ich in diesem Fall ihn davon überzeugen muss und nicht das Gericht.«

H.P. Karr: Geständnis im Knast
BNN 24/2017 © Autor

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28.8.17

Krimi-Archiv: Ein Mann sieht rot

Brian Garfield:
Der Vigilant oder Ein Mann sieht rot

(Death Wish, 1972)

 

Brian Garfield:
Der Vigilant oder Ein Mann sieht rot
(Death Wish, 1972)
Non Stop-Verlag 1973
Deutsch von Heinz Nagel
»Death Wish« ist die Geschichte des New Yorker Steuerberaters (im Film: Architekten) Paul Kersey, der zum Vigilanten in der U-Bahn wird, nachdem seine Frau bei einem Einbruch getötet wurde und seine Tochter so schwer misshandelt, dass sie ins Koma fiel.
Frustriert vom ausbleibenden Erfolg der Polizeiermittlungen und getrieben von Rachegedanken wendet Kersey seine Wut gegen Straßenkriminelle, die er bei seinen nächtlichen Streifzügen durch die Stadt tötet. Am Ende steht Paul einem Polizisten gegenüber, der genau gesehen hat, was er tat, und »wartete, dass der Polizist seine Waffe zog. Er kam gar nicht auf den Gedanken, den Polizisten zu erschießen, obwohl er die Waffe in der Hand hielt; man erschoss keine Polizisten, man tat das einfach nicht. Der Polizist griff im Licht der Straßenlampe an seinen Kopf, nahm die Mütze ab und hielt sie in der rechten Hand. Dann wandte ihm der Polizist langsam den Rücken zu und stand da, ohne sich zu bewegen. Paul brauchte lange, um in sich aufzunehmen, was der Polizist damit meinte.«


Brian Garfield: Ein Mann sieht rot
(Death Wish, 1972)
Ullstein 1993, Taschenbuch 23039
Deutsch von Heinz Nagel
Regisseur Michael Winner verfilmte Garfields Roman 1974 mit Charles Bronson in der Rolle des wortkargen Protagonisten Paul Kersey. Der Erfolg von "Death Wish" (dt: Ein Mann sieht rot") löste nicht nur eine gesellschaftlich-politische Diskussion um Selbstjustiz aus (einschließlich Spiegel Top-Story in Heft 47/74 und Romanabdruck in der BILD ("Der spannendste Krimi, den "Bild" je brachte")), sondern zog auch bis 1993 insgesamt vier Film-Sequels – stets mit Charles Bronson als Paul Kersey - nach sich.
Aktuell überlegt sich Bruce Willis, ob er ein Remake von "Death Wish" machen soll. In welcher Rolle ist natürlich klar.

Unbekannte Einbrecher haben Frau und Tochter des New Yorker Angestellten Paul R. Kersey in der Wohnung überfallen und brutal zusammengeschlagen. Seine Frau Joanna stirbt, das Leben seiner Tochter Carol ist nur noch ein Dahinvegetieren ohne Erinnerung und Gefühl. Die Polizei kommt mit ihren Ermittlungen nicht weiter. Da beschließt Kersey zu handeln: Er wird zum Rächer auf eigene Faust.
Brian Garfields Roman, der mit Charles Bronson in der Hauptrolle zu einem Filmereignis wurde, löste eine weltweite Diskussion über Do-it-yourself—Justiz aus.

DER AUTOR:
Brian Garfield, 1939 in New York geboren, ist einer der prominentesten amerikanischen Thriller-Autoren und Träger des Edgar Allan Poe Award, des »Oscars« für Kriminalromane.

Brian Garfield:
Der Vigilant oder Ein Mann sieht rot
(Death Wish, 1972)
Non Stop-Verlag 1973
Deutsch von Heinz Nagel
Später legte er es sich zurecht, wo er zu der Zeit des Überfalls auf Joanna und Carol gewesen war.
Es mußte ein paar Minuten nach dem Mittagessen gewesen sein. Es war ein feuchtfröhliches Beisammensein mit den Kunden gewesen, und Paul hatte die Wirkung der Martinis gespürt. Er war etwas schwankend mit Sam Kreutzer hinausgegangen, und sie hatten sich an der Fünfundfünfzigsten Straße ein Taxi geschnappt.
Als sie die Seventh Avenue hinunterfuhren, waren sie am oberen Times Square im Verkehr steckengeblieben, und Paul erinnerte sich noch, wie er beinahe an den giftigen Qualmschwaden eines Omnibusses erstickt Wäre, der neben dem Taxi zum Stillstand gekommen war. Um die Zeit mußte es passiert sein. DiePolizei hatte  die Zeit des Überfalls auf zwei Uhr vierzig festgelegt. Ein drückend schwüler Mittag. Touristen und Nutten bewegten sich mit leeren Blicken und in verschwitzten lileidern den Gehsteig entlang. An den Straßenecken verkauften Männer in rußigen T—Shirts Spielzeug und Lcdergürtel. Normalerweise konnte man es nicht sehen, wie die vergiftete Luft einem die Lungen angriff, also achtete man nicht darauf; aber die Auspuffgase des Busses brachten Paul zum Husten, und das wiederum trug ihm stechende Kopfschmerzen ein. Das kam von zuviel Gin. Er rieb sich die Augen.

Brian Garfield:
Der Vigilant oder Ein Mann sieht rot
(Death Wish, 1972)
Non Stop-Verlag 1973
später: Ullstein 1993,
Taschenbuch 23039
Deutsch von Heinz Nagel



19.8.17

Krimi der Woche
Großes Geld für einen kleinen Gauner



Großes Geld für einen
kleinen Gauner

 Von Richard Janssen



Eigentlich ist er nur ein gewöhnlicher Taschendieb, doch als sich Hubert die Chance bietet, einen dicken Fisch zu angeln, greift er spontan zu...

Hubert war mit seinen 1,60 Meter im wahrsten Sinn des Wortes nur ein »kleiner Dieb«. Allerdings hatte Hubert das nie als Nachteil empfunden. Im Gegenteil - wenn zum Beispiel einer dieser baumlangen Polizisten oder wendigen Warenhausdetektive hinter ihm herhetzte, dann konnte er sich mit Leichtigkeit durch eine Lücke verdrücken, vor der Normalgewachsene resignieren mussten.
  Dass er in den Kaufhäusern kein gern gesehener Kunde mehr war, machte Hubert nichts aus, seitdem er die großen Verbrauchermärkte am Stadtrand entdeckt hatte.
  In diesen Konsumburgen sprudelte für Hubert eine nie versiegende Geldquelle. Wenn hektische Hausfrauen übervolle Einkaufswagen durch die Gänge schoben oder sich heimwerkende Ehemänner in Baumärkten Holzpaneele zuschneiden ließen, dann griff Hubert zu, entwendete Portmonees und Geldbörsen, Brieftaschen und Kreditkarten.
  An diesem Tag hatte Hubert im »Kauf-Paradies« schon zwei Hausfrauen erfolgreich bestohlen, als ihm auffiel, dass etwas im Gange war.
  Der Geschäftsführer, den Hubert vom Sehen kannte, stand mit einem anderen gut gekleideten Mann vorn an den Kassen hinter einem kleinen Tisch, auf dem etwas lag, was Hubert nicht erkennen konnte, weil es mit einem Tuch zugedeckt war.
  Hubert überlegte nicht lange und schlug den Weg zu den Büros ein. Denn wenn sich die Geschäftsführung im Laden auffielt, so sagte er sich, mussten die Büroräume leer sein.
  Er behielt Recht. Gleich im ersten Büro entdeckte er auf einem verlassenen Schreibtisch einen offenen Briefumschlag, aus dem verheißungsvoll zwei nagelneue 500-Euro-Scheine ragten. Ohne zu zögern griff Hubert zu.
  »Was machen Sie denn hier?«
  Er hatte die Sekretärin nicht hereinkommen hören. Hubert handelte blitzschnell, indem er die überraschte Frau an sich riss und ihr mit einer Hand von Mund zuhielt. Er platzierte sie auf einem Bürostuhl und hatte sie innerhalb von fünf Minuten mit der Telefonschnur gefesselt. Auf den Mund klebte er ihr einen Streifen Paketklebeband.
  »Keine Mätzchen!«, warnte er sie noch, bevor er mit dem Geld in der Tasche das Büro verließ.
  Er hastete an den anderen leeren Büros vorbei bis zu der grauen Stahltür, die zur Laderampe führte.
  Zu seinem Entsetzen musste er feststellen, dass sie ausnahmsweise einmal verschlossen war. Kein Ausweg für Hubert. Er musste wohl oder übel durch den Laden.
  Die beiden Fünfhunderter brannten wie Feuer in seiner Brusttasche, als er wieder den Verkaufsraum betrat und sich einen der herumstehenden Drahtwagen griff. Betont gelassen strebte er zwischen Toastbrot und Kaffeesonderangebot den Kassen entgegen.
  Um nicht aufzufallen, lud Hubert ein paar Fischkonserven und verschiedenes Knabberzeug in den Wagen. Mit pochendem Herzen reihte er sich schließlich in die Schlange der zahlungswilligen Kunden ein.
  Der Geschäftsführer und sein Begleiter standen immer noch an ihrem Tischchen am Ausgang. Sie tuschelten jetzt ein wenig aufgeregter als vorhin miteinander und betrachteten immer wieder die wartende Kundschaft.
Doch nicht etwa ein neues Sicherheitssystem? fragte Hubert sich bang. Ihm brach der Schweiß aus. Rasch rekapituliert er, wo man ihm möglicherweise beobachtet haben könnte - doch es fiel ihm nichts ein.
  Er hatte die geklauten Brieftaschen und Geldbörsen sofort geleert und sie hinter irgendwelchen Waren versteckt. Und auch den beiden Fünfhundertern in seiner Brusttasche sah man nicht an, dass sie vor zehn Minuten noch jemand anderem gehört hatten.
  Die Kassiererin rechnete Huberts Einkäufe zusammen. Er bezahlte mit einem Hunderter aus einer der geklauten Brieftaschen und wollte sich gerade erleichtert auf den Weg zum Ausgang machen, als ihm der Geschäftsführer in den Weg trat.
  Hubert spürte, wie man ihm seinen Blumenstrauß in die Arme drückte, dann flammte ein Blitzlicht auf und wie durch eine Watteschicht hörte er, wie der Geschäftsführer zu dem sagte:
»Mein Herr, ich darf Sie als den einmillionsten Kunden unseres »Kauf-Paradieses« begrüßen! Die Geschäftsführung freut sich, dass Sie uns Ihr Vertrauen geschenkt haben und möchte Ihnen als kleine Anerkennung ein Geschenk machen!« Er zog das Tuch vom Tisch und unter den »Ahs« und »Ohs« der Umstehenden kam ein gigantischer Präsentkorb zum Vorschein. Hubert war wie gelähmt.
»Aber..«, begann er.
  »Aber das ist noch nicht alles!«, fuhr der Geschäftsführer fort. »Denn außer diesem Korb bekommen Sie noch eintausend Euro - zwei nagelneue Fünfhundert-Euro-Scheine - für die Sie hier im Kauf-Paradies nach Lust und Laune einkaufen können.« Er wandte sich an seinen Begleiter und sagte leise: »Seien Sie doch so nett, Herr Breuer und holen Sie den Geldpreis aus meinem Büro. Das Kuvert liegt auf dem Schreibtisch … oh … da, sehen Sie, unser Jubiläumskunde ist wohl vor lauter Freude ohnmächtig geworden.«
 

 ENDE 





© beim Autor / Jahn facts&fiction
Richard Janssen:
Großes Geld für einen kleinen Gauner,

erschien in der Zeitschrift
»Neue Welt«, Düsseldorf, Heft 9/2010