2.6.11

Martin Walser: Tod eines Teetrinkers
Gefälscht von H.P. Karr

Überhaupt, sagte er, sagte er nahezu noch ehe er die Tür öffnete, er müsse eines klarstellen: Dass es sich bei den Vorfällen der letzten Zeit nicht - er wiederhole: Nicht um eine von ihm selbst initiierte Aktion handele. Er wisse, sagte er, mich durch ein düsteres Patio führend, er wisse also, dass es sich beim allem, was geschehen sei, um ein Komplott handele; ein Komplott, das verstünde ich doch.
Denn es sei doch wohl offensichtlich, dass er stets ein Teetrinker gewesen sei. Nur Tee! wiederholte er, stets. Schon auf dem Weg in den Salon, durch dessen weitläufige Fenster der Blick sich über den See eröffnete. Tee!

Ich: Gewiss, nur sei zunächst zu klären, wie er sich den erkläre, in den Ruf eines Kaffeetrinkers gekommen zu sein...

Er: Komplott, wie ich sagte, eindeutig ein Komplott von Kettenmacher, dem Kettenhund der Konspiration, der sich schon immer mit dem dem Kaffee-Kombinat gemein gemacht habe, allgemein gemacht hätte. Aber zunächst - wirbelnd mit den Händen: Tee, first flush, nicht wahr? Ich müsse nämlich wissen, dies mich in die Küche ziehend, es sei ein weit verbreiteter Irrtum, dass Tee dem Kaffee nachstehe, vielmehr, und dies beim Vorbereiten des Tees, sei es umgekehrt, das verstehe ich doch.

Ich: Verstehe, verstand stehend bei ihm, ihn bei der Verrichtung beobachtend.

Das Wasser - kochend! Verstehen Sie! - in das Gefäß zu geben, um sodann zu warten. Kettenmachers Behauptung, er sei ein Kaffeetrinker, diese öffentlich geäußert, habe ihn zutiefst betroffen gemacht.
Im Salon, im Sessel, beim See, das Getränk im Gefäß und wärmend an den Händen: Das sei ein Mord gewesen. Er sei gemordet worden in seinem Wesen, das ihn präge, als Teetrinker. Gemordet, ja.

Ich: Ja, gemordet. Und inwieweit er es für möglich, wenn nicht vielleicht auch für gegeben hielte, einige sozusagen letzte Worte zu äußern: der Nachwelt, von ihm, dem Gemordeten.

ber was denn noch? Hochfahrend, die Worte, sicherlich die vorletzten, mit den Händen wirbelnd. Worte! Wieso immer Worte? Es sei genug, dies ermüdet und nicht belebt vom First Flush. Keine Worte mehr, nichts, nicht wahr. Ich möge gehen.

Ich: Ging.


ENDE

H.P. Karr lebt im Ruhrgebiet. Er veröffentlichte zahllose Stories und rund ein Dutzend Thriller, darunter - gemeinsam mit Walter Wehner - die "Gonzo"-Romane, von denen "Rattensommer" 1996 als bester Krimi das Jahres mit dem Friedrich Glauser-Preis ausgezeichnet wurde. 
www.hpkarr.de

1.6.11

Henning Mankell: Der Blutteppich
komplett gefälscht von H.P. Karr

Als das Telefon klingelte, glaubte Kurt Wallander für einen Augenblick in seinem Traum, dass er immer noch verheiratet sei. Träge richtete er sich auf und griff nach dem Hörer. "Kurt Wallander!"

"Wo bist du?", fragte Edda aus der Bereitschaftszentrale.
"Zuhause. Und du?
"In der Bereitschaftszentrale."
"Gut", sagte Kurt Wallander. "Sehr gut."

Edda hatte eine angenehme Stimme, und Kurt Wallander wusste, dass sie seit vier Jahren verheiratet war - mit einem Bauarbeiter, der damals wegen eines Wasserrohrbuchs in der Frauentoilette der Bereitschaftszentrale hatte verständigt werden müssen. Er hieß Erik oder Erich, und manchmal erzählte Edda, wie sehr sie sich ein Kind von ihm wünschte.

"Was hast du gerade gesagt?", fragte Kurt Wallander und fuhr sich über die Bartstoppeln. Noch so ein Punkt, weshalb seine Ehe gescheitert war. Seine Frau hatte ihn immer wieder gebeten, sich vor dem Schlafengehen zu rasieren, was Wallander abgelehnt hatte. Er fragte sich, ob Erik oder Erich vor dem Schlafengehen rasierte oder ob es Edda egal war.

"Es ist etwas passiert!", sagte Edda. Eine vage Angst ergriff von ihm Besitz, ausgelöst von der Frage, ob er beim Verlassen seines Büros wirklich die Kaffeemaschine ausgeschaltet hatte. In seine Vison von Flammen, die aus dem Präsidium loderten, sagte Edda: "Du musst sofort kommen!"

"Es ist etwas passiert, ja?", fragte Wallander, schon mit einem Bein aus dem Bett. Der Plastikboden war kalt unter seinen Füßen, es wurde Zeit, dass er sich einen eigenen Teppich kaufte, nachdem seine Frau den mitgenommen hatte, der über zehn Jahre im Schlafzimmer gelegen hatte.

"Ich weiß, es ist unhöflich von mir, dich um diese Zeit anzurufen", fuhr Edda fort. "Ich könnte natürlich Adamson informieren, der hat Bereitschaft. Aber du weißt ja, dass er ungern in die Kälte rausgeht und …"

"Ja, Adamson", sagte Kurt Wallander, mit dem nackten Fuss auf der Suche nach dem einzelnen Pantoffel, den er in den letzten Tagen häufiger hier im Schlafzimmer gesehen hatte. "Adamson", wiederholte Wallander, um Zeit vergehen zu lassen. "Guter Mann. Ich kenne ihn."

"Also um auf den Punkt zu kommen", sagte Edda. "Es geht um folgendes..."
Es war 7 Uhr 35, an einem Sonntag. In Schweden.

ENDE


H.P. Karr lebt im Ruhrgebiet. Er veröffentlichte zahllose Stories und rund ein Dutzend Thriller, darunter - gemeinsam mit Walter Wehner - die "Gonzo"-Romane, von denen "Rattensommer" 1996 als bester Krimi das Jahres mit dem Friedrich Glauser-Preis ausgezeichnet wurde. 
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