12.2.20

Francis Durbridge

 
(Foto: Reinhard Jahn)

Francis Durbridge (1912 - 1998) war nach Edgar Wallace und Agatha Christie der dritte große britische Krimi-Export im 20. Jahrhundert. Ähnlich wie es unmöglich war, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein (Werbespruch!), war es unmöglich, an Durbridge vorbeizukommen, wenn man in den Fünfzigern und Sechzigern ein Radio oder einen Fernseher besaß.
Mit der multimedialen, europaweiten Verwertung seiner  meist im Original für das Radio geschriebenen Serials setzte Durbridge Maßstäbe. Besonders seine "Paul Temple"-Radioserien  sind bis heute - gerade in Deutschland - noch Kult. Der originale "Paul Temple" lebte von 1938 bis 1968 in zahlreichen BBC-Serials, in Deutschland wurde er in der Interpretation von René Deltgen in den  Produktionen des WDR unsterblich, die in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts ausgestrahlt wurden. Ab 1969 gab es dann bei der BBC noch eine 52-teilige, nicht von  Durbridge selbst geschriebene TV-Serie mit dem ermittelnden Krimischriftsteller und seiner sympathischen Frau Steve.
Im damals neuen Medium Fernsehen war Durbridge in Deutschland der Erfinder des "Straßenfegers", wie man bald die mehrteiligen Fernsehfilme (heute würde man "Miniserie sagen) nannte, die auf größtes Zuschauerinteresse stießen (Quoten bis zu 80 Prozent) und deshalb Straßen und  Kneipen leerfegten.
Zentrales Motiv von "Melissa" oder "Das Halstuch" und alle anderen  Serial war stets die verwickelte Handlung mit einer Mördersuche, die mitunter bis ins Absurde verrätselt wurde. Die Frage "Wer war es?" beschäftigte während der Ausstrahlung  große Teile der Öffentlichkeit, und als der Kabarettist Wolfgang Neuss 1962 in einer Zeitungsanzeige verriet, wer der Täter in "Das Halstuch" war (Spoiler: Es ist Dieter Borsche), grenzte das an Hochverrat.
Die insgesamt 17 TV-Serials, die Durbridge für die BBC schrieb, wurden in unterschiedlichen Fassungen in ganz Europa verwertet - besonders  Italien und Frankreich produzierten genau wie Deutschland, ihre eigenen Versionen (teils mit "neuem" Mörder).
Daneben wurden auch Durbridges Einzelfernsehspiele, die oft auf eigenen Theaterstücken basierten, von fast allen europäischen Anstalten bis in die Nullerjahre hinein produziert.
Das funktionierte deshalb so gut, weil das Krimi-Universum des Francis Durbridge nur wenig mit der Wirklichkeit des Verbrechens zu tun hat, sondern in einer Art ewigem Krimiland spielen, in  dem Personen und Handlungsmuster festgelegt sind.  - Seine Figuren stammen stets aus dem Mittelstand oder der High Society, man hat Land- und Stadthäuser, zwischen denen man mit dem Zweit-Cabrio hin und herfährt und ist immer schnell mit einem Drink  ("Brandy?") zur Hand.
Das Verbrechen ist oft eine mit falschen Alibis und tückischen doppelten Identitäten  ausgetüftelte Beziehungs- oder Geldgier-Intrige - oder eine Story über die Maske, die das organisierte Verbrechen (Spielclubs in Soho, illegaler Handel mit Marihuana-Zigaretten etc) trägt, um sich in der feinen Gesellschaft zu bewegen.
Natürlich war  nicht zu vermeiden, dass im Rahmen einer Letztverwertung der Medienstoffe auch noch Romane entstanden, die sich an den Drehbüchern der Hör- und Fernsehspiele orientierten. Die Deutschen Erstausgaben dieser hier gezeigten Billig-Sammlung aus dem Lingen-Verlag erschienen in den Sechzigern in Deutschland zuerst als "Krähenbücher" im Berliner Weiss-Verlag.

Francis Durbridge:

Der Fall Salinger
Die Schuhe
Der Schlüssel

Köln: Lingen, 1971
Lizenz d. Weiss Verl., München, Berlin.