19.8.16

Die telefonische Mordsberatung
Krimiland Australien FACTSHEET
















Das Krimikompetenzteam schaut nach Australien und untersucht die Krimiszene down under. Welche neuen Autoren schreiben in Sydney und Canberra und rund um den Ayers Rock? Gibt es eine zeitgemäße Version des klassischen Outback-Ermittlers Napoleon "Bony" Bonaparte von Arthur W. Upfield?
Unter der sachkundigen Anleitung von Chief-Inspector Thomas Hackenberg ermitteln die WDR5-Krimi-Experten Ulrich Noller (KrimiZEIT-Bestenliste), Reinhard Jahn (Bochumer Krimiarchiv) und die Journalistin Ingrid Müller-Münch live vor Publikum in der historischen Fabrikanlage Maste-Barendorf, der bedeutendsten noch erhaltenen Industrieansiedlung aus dem 19. Jahrhundert im Märkischen Kreis. Und natürlich empfehlen die Experten auch wieder ihre persönlichen Favoriten und beantworten Fragen aus dem Publikum.
Hörerinnen und Hörer können sich per E-Mail an der Sendung beteiligen. mordsberatung@wdr.de
Redaktion: Petra Brandl-Kirsch
 

Datum: Samstag, 27.08.2016
Ort: Museum Barendorf
Baarstraße 220-226
58636 Iserlohn
Beginn: 21.00 Uhr Einlass: 20.30 Uhr
Karten: 7,00 €
Die Karten sind bei der Stadtinformation Iserlohn zu erhalten:
Stadtinformation Bahnhofsplatz 2 58644 Iserlohn Tel.: 02371/217-1819 und -1820


Spannung von down under – Krimiland Australien


Mal ganz spontan: was fällt uns bei AUSTRALIEN ein?
Ayers Rock
Bumerangs
Kanguruhs
das Opernhaus in Sydney

Und kulturell?




Picknick am Valentinstag 



Skippy das Kanguruh


 

Die fliegenden Ärzte


Also erstmal die Fakten:

Australien,

liegt auf der Südhalbkugel nordwestlich von Neuseeland und südlich von Indonesien.
Hauptstadt: Canberra
Bekannteste Stadt: Sidney
Staatsoberhaupt: Queen Elizabeth II (Commonwealth)
Einwohner: 23 Millionen (3,1 Einwohner pro km²)
Telefonvorwahl +61
Kleine Fototour mit den Bildern von Thomas Schoch





Der Urvater aller Australien-Krimis:

Inspektor Napoleon Bonaparte, genannt "Bony"
geschaffen von Arthur W. Upfield (1890 – 1964)
 

Der Brite kam mit kanpp 20 Jahren nach Austarlien und durchstreifte das Land, ehe er sich niederließ. Ab 1929 veröffentlichte er unter anderem die Kriminalromane um die Ermittlungen des Detectives Napoleon Bonaparte, genannt Bony.
Bony, ist der Sohn eines weißen Vaters und einer Aborigine-Mutter. Wie er zu seinem Namen kam, erzählt er selbst so:


»Ich kann Ihnen versichern, daß ich nicht die Absicht hatte, mich auf eine Stufe mit dem Kaiser der Franzosen zu stellen«, erwiderte der Inspektor und zündete sich die angebotene Zigarette an. »Ich war zwei Wochen alt, als man mich im Norden von Queensland neben meiner toten Mutter unter einem Sandelholzbaum fand. Man brachte mich zur nächsten Missionsstation. Dort ergab sich die Frage, welchen Namen ich erhalten sollte. Und während sich die ehrwürdige Ordensschwester den Kopf zerbrach, beobachtete sie, wie ich an einem Buch kaute. Es war Abbotts ›Das Leben Napoleon Bonapartes‹.
Ich nehme an, daß die Schwester Sinn für Humor hatte, denn sie gab mir kurzentschlossen diesen Namen.«

(Bony und der Bumerang)
 

Und seine Vorgesetzten beschreiben ihn so:
»Er ist unter den Kriminalbeamten Australiens einer der besten, wenn nicht überhaupt der beste Kenner des Busches.«
(Bony und der Bumerang)

Bony ist sozusagen die Urform des Ethno-Detektivs, wie er später u.a. von Tony Hillerman beschrieben wurde.

Die Erzählungen von Bonys Fähigkeit, die Natur zu „lesen“, seiner Geduld und Intuition sowie seinem kombinatorischen Scharfsinn sind eine an die australischen Gegebenheiten angepasste Variante des Whodunnit-Krimis: Ein Mord ist geschehen, und der Detektiv muss mit Verhören und Deduktion dem Täter auf die Spur kommen.
Wobei Arthur W. Upfield durchaus große Phantasie entwickelte – wie etwa in ist »Death of a Lake«, 1954, (dt.: »Der sterbende See«, 1955): 

In der extremen Hitze und Trockenheit des Hochsommers im südlichen Hinterland Australiens warten sechs Männer und zwei Frauen auf einem einsamen Außenposten auf das Austrocknen eines Sees. Auf seinem Grund soll sich die Leiche eines Mannes befinden, der vor Jahren nach einem großen Lottogewinn eines Nachts beim Schwimmen im See verschwand. Unter ihnen ermittelt Bony undercover.


Für die Fernsehserienfassung (AUS 1972-73, 26 Folgen) wurde aus Bony dann BONEY



 

Die Dame:

Ngaio Marsh (1895 – 1982) war eine neuseeländische Schauspielerin, Regisseurin und Krimi-Autorin, die ihre 32 Romane – überwiegend Abenteuer des Ermittlers Roderick-Alleyn – in Großbritannien ansiedelte. Ihre Geschichten stehen in der Tradition des Goldenen Zeitalters des Krimis, das von Agatha Christie und Dorothy Sayers geprägt wurde.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ngaio_Marsh


Der Hack-Writer:

Carter Brown (1923 – 1985) war gebürtiger Brite und naturalisierter Australier. Er arbeitete u.a. für die Fluggesellschaft QUANTAS, ehe er zu schreiben anfing. Er veröffentlichte zwischen 1953 bis 1981 etwa 200 Romane, von denen mehrere hundert Millionen Ausgaben weltweit verkauft wurden. Seine Serienhelden sind
-der Privatdetektiv Danny Boyd
-der Detektiv Rick Holman
-der Hollywood-Polizist Al Wheeler

Carter Browns Romane stehen in der Tradition der klassischen Privatdetektivromane, die Brown aufs Niveau  harmlos-erotischer Schundkrimis herunterbrach. Seine Romane spielen bis auf wenige Ausnahmen nicht in Australien, sondern in einem „Pappdeckelamerika“ (so ein Kritiker) und seine Figuren stattete er mit einem Slang aus, den er sich durch Bücher und Filme angeeignet hatte.



In Deutschland wurde Carter Brown besonders bekannt (und geliebt) wegen der schlüpfrigen Titelbilder und Titelformulierungen wie etwa
-Ackerbau und Unzucht
-Falltür, bitte kopfen
-Im Kille-Kille-Keller
(Material von Wikepdia)

Die aktuelle Krimiszene Australien:

Dazu zuerst einmal ein Artikel von Alf Mayer aus dem freitag vom 26.04.2016 , in dem ein Boom des Australien-Krimis festgestellt wird:

Mord in Down Under



Nun zu den einzelnen Autoren: 

Garry Disher 

(*1949), der Grandmaster des Australien-Krimis
Seit 1999: die Hal Challis Serie.
Polizeiromane
Seit 1991 die Wyatt-Serie
Wyatt ist ein Gesetzloser, ein Berufsgangster in der Tradition von Donald E. Westlakes "Parker".
Garry Dishers Romen sind weder thematisch noch stilistisch innovativ, sie sind aber in ihrer handwerklichen Perfektion und der Ernsthaftigkeit ihres Anliegens stets auf höchstem Niveau.
(Mit Material von  krimi-couch.de)




Paul Thomas 

(* 1951)  wuchs in Neuseeland auf und studierte in Auckland. Später arbeitete er als Journalist in Auckland, London, Toulouse und Sydney. Bevor er sich als Krimiautor verdingte, war er Sportreporter. 1996 bekam er für seinen ersten Roman "Transfer" den Ned Kelly Award für den besten Krimi Australiens.  Im Mittelpunkt einer Romane steht oft  der rauhbeinige Inspector Tito Ihaka.
(Material von krimi-couch.de)

Michael Robotham  

(* 1960)  war lange Jahre als Journalist für große Tageszeitungen und Magazine in London und Sydney tätig und ein extrem erfolgreicher Biograhie-Ghostwriter, bevor er sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Michael Robotham lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Sydney.
 

Über seine Autoren-Existenz sagt Robotham u.a.:
Ich habe entschieden, dass eines meiner Probleme als Schriftsteller darin besteht, dass ich viel zu normal bin.

  •     Ich stamme nicht aus einer zerrütteten Familie.
  •     Ich habe keine Kinder aus fremden Ländern gekauft.
  •     Ich habe meine Frau nicht für ein Model verlassen.
Anderseits aber auch: "Ich bin mit gerade einmal 117 geschriebenen Seiten an Verlage herangetreten und habe sie ihnen angeboten. Was dann folgte, war ein Wettbieten der Verleger. Das ging sogar so weit, dass mein Agent mich nachts um drei Uhr anrief und mir sagte, welche Verlage wo um mich buhlen würden. Das war unglaublich!"
(Material von amazon.de)

Bekannt wurde er mit seiner Joseph-O'Loughlin/Vincent-Ruiz-Reihe, die er 2004 begann und die inwzischen mehr als zehn Titel umfasst.
Prof Joe O’Laughlin ist einer der renommiertesten Psychotherapeuten Londons, er arbeitet oft mit dem (später Ex-)Inspektor Vincent Ruiz zusammen. Serienübergreifend wird die Entwicklung der Parkinson-Erkrankung von Joe O’Laughlin erzählt.

Zwei Robotham-Stoffe wurden für das deutsche Fernsehen adaptiert und unter dem Reihentitel "Neben der Spur" mit Ulrich Noethen in der Rolle des Psychologen verfilmt:

-Neben der Spur – Adrenalin. D 2014, Regie: Cyrill Boss & Philipp Stennert, 90 min, FSK 12.
-Neben der Spur – Amnesie. D 2016, Regie: Cyrill Boss & Philipp Stennert, 90 min, FSK 12.




Michael Robotham siedelt, wie viele andere australische Autoren auch, seine Romane nicht in seiner Heimat an. Schauplatz der Joe O’Laughlin-Geschichten ist das Commonwealth-Mutterland Großbritannien. Die Stoffe sind "Psycho-Thriller" von internationalem Zuschnitt.


Peter Temple 

(* 1946) stammt aus Südafrika, lebte in Deutschland und zog dann nach Australien.
Ein Teil seiner Romane hat den Privatdetektiv und Ex-Rechtsanwalt Jack Irish als Hauptfigur, der in Melbourne ermittelt.
2012 erhielt er den Deutschen Krimipreis für
Wahrheit (Truth) Deutsch von Hans M. Herzog
Es ist die Zeit der großen Waldbrände, die alles zu vernichten scheinen und auch die Stadt Melbourne bedrohen. In einem neu erbauten Luxuskomplex wird eine junge Frau ermordet aufgefunden. Stephen Villani, der die Ermittlungen leitet, wird von der Politik an der Aufklärung gehindert. Aber es beschäftigt ihn nicht nur die Frage, warum der Mord vertuscht werden soll. Die Ermordete sieht aus wie seine jüngste Tochter, die spurlos verschwunden ist. Und diese familiäre Situation zermürbt ihn mehr als der frustrierende Polizeialltag.
»Mit der Wucht des Titels "Wahrheit" stemmen sich hier die Aufrechten gegen das Schweinesystem; ihre Chance ist begrenzt, unser Lesevergnügen in derartigen Fällen immer besonders groß. So auch hier. Neben Garry Disher ist Peter Temple der andere große Krimiautor von Down Under und "Wahrheit" sein Meisterstück.« (Günther Grosser, Berliner Zeitung)
Mit Material von Wikipedia und  deutscher-krimipreis.de

Alan Carter 

(*1959) geboren in Sunderland, UK, wanderte 1991 nach Australien aus und lebt heute mit seiner Familie in Fremantle.

Sein Krimidebüt "Prime Cut" mit seinem Helden, dem in Ungnade gefallenen ehemaligen Vorzeigebullen Cato Kwong in dem westaustralischen Städtchen Hopetoun wurde allgemein gelobt.
Unter anderem auch so:
»Gibt’s im Krimi eigentlich noch irgendwas, was es nicht schon gegeben hat? Durchaus, das beweist zum Beispiel Prime Cut. Eine Entdeckung, der Autor und sein Team; noch ein klasse Krimiautor aus Australien, von dem man in den nächsten Jahren einiges erwarten darf.« Ulrich Noller, WDR 5
 

 Sein zweiter Krimi "Des einen Freund" erscheint in diesen Tagen (Ende August 2016) auf deutsch.
(mit Material von Edition Nautilus)



Candice Fox

(* 19??) ist der aktuelle heiße Tipp in Sachen Australien-Krimi. Nach einer nicht so braven Jugend und einem kurzen Zwischenspiel bei der Royal Australian Navy widmet sie sich jetzt der Literatur, indem sie kreatives Schreiben an der University of Notre Dame, Sydney. 
Ihr Debüt-Roman »Hades« ist der erste Teil einer Trilogie, Eden und Fall folgen in den nächsten Monaten.

Alf Mayer (siehe oben) lobte: »Hades« ist ein Buch, das mit erzählerischer Raffinesse und schier unglaublicher Selbstsicherheit gleich drei Subgenres der Kriminalliteratur zu etwas Neuem fügt: den Polizeiroman, den Serienkiller-Topos und die Hardboiled-Erzählung. Der Thriller hat eine Heldin, wie es noch keine gab. Es ist die Polizistin Eden, die zusammen mit ihrem Bruder, ebenfalls einem Cop, nachts in Sydney jene Killer jagt und tötet, denen die legale Strafverfolgung nicht beikommt.
(mit Material von  suhrkamp.de und Wikipedia)



Und zum Schluss:

Und ein Sonderfall ist die deutsche Autorin Manuela Martina, die einige Australien-Krimis geschrieben hat,in deren Mittelpunkt Detective Shane O'Connor aus Brisbane steht:
--Ende--

9.8.16

H.P. Karr:
Krimi-Wende: Totgesagte leben länger (1995)



Totgesagte leben länger oder:
Mit Mord ist ein Geschäft zu machen
von H.P. Karr

Natürlich kann man dem DDR-Krimi eine Menge vorwerfen. Da haben Autoren Geschichten von tapferen MUK-Ermittlern geschrieben, die allzeit entschlossen staatsfeindliche Mörder, Materialdiebe und kapitalistisch-kleinbürgerlich verblendete Spekulanten der sozialistischen Gerechtigkeit zuführten. Da hat sich die Kriminalliteratur, die ja eigentlich ein Produkt der Aufklärung ist, in den Staatsdienst gestellt und political correctness an der Grenze der Selbstverleugnung zelebriert. Denn schließlich sollte sie der "Erziehung des Bevölkerung zum sozialistischen Internationalismus" dienen; sie sollte "gesellschaftliche Aktivität erzeugen" und zur "Unterstützung von Strategie und Taktik der Partei" führen.
War der DDR-Krimi also ein Irrweg des Genres, eine literarische Mutation ohne Überlebenschance im Biotop der freiheitlich-demokratischen Krimi-Kultur?  Natürlich, denn mit dem Verschwinden des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden wurde ihm auch der Humus der Realität entzogen, auf dem er gedieh. Und so sehr die literarische Nomenklatura jenseits von Stacheldraht und Todesstreifen auch trotzig in Parteitagsbeschlüssen auf einer Eigenständigkeit ihrer Krimi-Unterhaltung bestand, so wenig konnten sie ihr jenes wesentliche Charakteristikum entziehen, das den Krimi auch im Rest der Welt entscheidend prägt: dass er sich nämlich auf eine dem Leser bekannte Realität bezieht. Diese Realität mit VEB, HO, FDJ, MfS, KWV, MAS und ABV, mit Exquisit- und Intershop, Broiler, Wink- und Sichtelementen, hat sich fast über Nacht in Nichts aufgelöst und damit schwebten auf einmal auch alle in fast vierzig Jahren geschriebenen Detektivgeschichten im freien Raum, wo sie derzeit mit wachsender Begeisterung von Germanistikstudenten für ihre Magisterarbeiten zum Zwecke der literaturwissenschaftlichen Sektion eingefangen werden. Was an neuen Krimis geschrieben wird, muss sich auf die nicht neudeutsche Gegenwart mit KTU, SEK, MEK, BKA, BfV und KBB, mit ihren Shopping-Malls, Discountern und Junk-Food beziehen.

Aber, sagt man dennoch hier und dort, und ganz besonders östlich vom ehemaligen Todesstreifen, so schlecht war der DDR-Krimi nun doch nicht. Gut, da gab es Anpassung und vorauseilenden Gehorsam, um die Druckgenehmigung vom Kultusministerium und der Abteilung für Kriminalromane im Innenministerium zu erhalten. Da gab es auch die stereotypen Handlungs- und Figurenkonstruktionen, so trocken wie das holzhaltige Papier der Bücher. Aber war da nicht auch das solide Handwerk, mit dem die DDR-Krimiautoren ihre Stücke verfertigt haben?  Eine gewisse Sorgfalt in der Sprache, eine Erzählung, die sich an literarischen Vorbildern orientierte und nicht am fixen Szenen-Zapping der vom Fernsehen verdorbenen West-Kollegen. Und hat man sich als Krimischreiber in der DDR mit Auflagen von bis zu 400.000 Exemplaren pro Titel bei einem Honorar von zehn Prozent und einer 75-prozentigen Nebenrechtsbeteiligung nicht auch wirtschaftlich ganz gut gestanden?
Sicher, da gab es die Lektoren, die ihre Sorgfaltspflicht gegenüber Autor und Manuskript manchmal auch so verstanden, dass sie Themen wie "Stasi" oder "Parteifunktionär als Täter" zu verhindern wussten, aber immerhin, es gab Lektoren, und zwar keine schlechten. Da wurde noch mit dem Autor über das Manuskript gesprochen, redigiert und nachgebessert, was im Schaffensdrang vielleicht etwas schräg zur Papier gekommen war.
So gesehen, war der DDR-Krimi wirklich nicht schlecht und in mancher Beziehung sogar viel besser als mancher zur gleichen Zeit auf dem Boden des Grundgesetzes publizierte Roman. Denn was diesseits von Mauer und Stacheldraht unter dem Gesetz der freien Marktwirtschaft oft an hingerotzten, lamoryanten Geschwafel aus der Feder von Lokaljournalisten, die es der Welt schon immer mal zeigen wollten, den Weg zwischen zwei Paperbackdeckel fand (und findet), verdiente in der Tat die Behandlung, die dem DDR-Krimi zuteil wurde.
Ebenfalls gut zu Gesicht stünde dem BRD-Krimi auch das Selbstbewusstsein einer eigenen literarische Gattung, deren Autoren nicht bei jedem Wort, das sie in ihre Textverarbeitung hacken, den Fernsehbildschirm vor Augen haben, auf dem sie ihren Stoff über kurz oder lang sehen wollen und dem sie deshalb jegliche nicht optisch umsetzbare Erzählfigur von vornherein austreiben.

Auch die Lektoren, die neuerdings zu "Verlagsredakteuren" geworden sind, weil sie sich nur noch mit der Frage beschäftigen, welches Umschlagbild am besten zu einem Buch passt, könnten etwas von der Sorgfalt gebrauchen, mit der man sich in der ehemaligen DDR mit Manuskripten befasst hat. Vielleicht würden dann auch endlich einmal lesbare, nicht nur vor Nullwörtern und Pleonasmen, verrutschten Metaphern, falschen Zeitenfolgen und schrägen Konjunktiven strotzende Romane herauskommen.

Aber die Chance ist wohl verpasst, im Sauseschritt der Wiedervereinigung ist der DDR-Krimi zu hundert Prozent abgewickelt worden. Lektoren und Autoren sind aufgegangen im neudeutschen Einheitsbrei und üben sich in der hohen Kunst der marktwirtschaftlichen Mimikry. Befreit von der Gängelung haben sich die ostdeutschen Autoren nach der Wende in ein paar Büchern den Frust von 40 Jahren Literaturkontrolle von der Seele geschrieben und sich dann dem Westbusiness zugewandt. Wer von ihnen heute noch im Genre arbeitet (und das sind nicht gerade viele der ehemals fast 50 DDR-Krimi-Autoren), der fabriziert genauso schnell jene Sorte von dialogorientiertem schnellgeschnittenem Zapping-Crime und freut sich manchmal mit Tränen in den Augen über den mickrigen Honorarscheck eines deutschen Schmuddelverlegers, mit dem er sich früher wahrscheinlich nicht mal an einen Tisch gesetzt hätte. Nur hier und da flackert in den Romanen der Kollegen aus Neufünfland noch die alte Erzähltradition auf, das genaue und präzise Schildern, das wir in unserer Fernsehgesellschaft als absolut langweilig empfinden. Besserwessis, die wir nun alle mal sind, haben die West-Kollegen sich auch, kaum war die Mauer offen, den Ostgebieten zugewandt und mit heißer Nadel alle Stoffe von Stasi-Seilschaft bis Sozialdepressions-Selbstmord ausgebeutet, die sie so wunderbar pittoresk und "typisch" fanden. Die Fakten, wenn man überhaupt meinte, dass man sie brauchte, gab es ja in der Dauerberieselung des Fernsehens, denn mit der Fernbedienung recherchiert es sich im Müll der Boulevardmagazine am besten. Jetzt, nach fünf Jahren Deutschland, ist auf beiden Seiten die Chance verpasst, irgendetwas zu lernen. Dafür haben wir gekriegt, was wir verdienen. Den gesamtdeutschen Krimi.
 
Glossar  deutsch/deutsch
MUK = Morduntersuchungskommission
VEB = Volkseigener Betrieb
HO = (staatliche) Handelsorganisation
FDJ = Freie deutsche Jugend
MfS = Ministerium für Staatssicherheit
KWV = Kommunale Wohnungsverwaltung
MAS = Maschinenausleihstation
ABV = Abschnittsbevollmächtigter
Broiler = Grillhähnchen
Winkelement = Fähnchen
Sichtelement = Plakat
KTU = Kriminaltechnisches Untersuchungsamt
SEK = Sondereinsatzkommando
MEK = Mobiles Einsatzkommando
BKA = Bundeskriminalamt
BfV = Bundesamt für Verfassungsschutz
KBB = Kontaktbereichsbeamter
Shopping Mall = Ladenzentrum
Junk-Food = niveaulose Nahrungsmittel
 
Baukasten für den Vorwende-Krimi (West):
Fall 1:  A.B.S.: Double Feature (1987, Heyne Verlag):
Die Guten: quotengenau besetzte Fachdirektion Mord der Hamburger Kripo. Die Bösen: raffgierige Familienbande und sexuell verklemmter Beamter. Die Opfer: Behinderter im Rollstuhl, thailändische-Import Frau. Wer ist an allem schuld? Die soziale Wirklichkeit.

Fall 2:
Bernhard Schlink/Walter Popp: Selbs Justiz (1987, Diogenes)
Die böse Gute: Ex-Nazi-Staatsanwalt und heutiger Privatschnüffler. Der gute Böse: Ex-Widerständler und heutiger Chemieboss. Die Frage: Wer war früher und wer ist heute schuld? Die Lösung: Wir haben alle nur unsere Befehle befolgt.
 
Fall 3:
Doris Gercke: Moskau, meine Liebe (1989, Galgenberg)
Die Heldin: Wodkagetränkte und gedichtsverliebte Privatschnüfflerin. Ihr Liebhaber: korrupter Russen-Bulle. Die Szenerie: Moskau under ground. Aromatische Zusatzstoffe: Viel Elend, ein paar Prostituiertenmorde, Alkoholismus. Moral: Perestroika essen Menschen auf.

Fall 4
Frank Göhre: Peter Strohm  Agent für Sonderfälle (1989, Heyne)
Der Bulle: hart, gerecht und noch nicht ganz kaputt. Der Unterweltboss: hart, cool und kaputt. Die Handlung: Wer zuviel redet, stirbt. Das setting: dreckig, dreckig, dreckig. Das Finale: Bulle quittiert den Dienst und kommt in einer Fernsehserie unter.

Fall 5:
ky/Mohr: Schau nicht hin, schau nicht her (September 1989, rororo / Oktober 1989 Mitteldeutscher Verlag)
Die Idee: eine Leiche auf dem DDR-Transit. Die Guten: auf beiden Seiten die üblichen. Die Ermittlung: immer an der Mauer lang. Wiedervereinigung: fand nicht im Roman, sondern in Wirklichkeit statt.
 
Baukasten für einen Vorwende-Krimi (Ost):

Fall 1:
Hans Schneider: Flucht ins Verbrechen (1976, Greifenverlag)
Das Verbrechen: Mauscheleien im Straßenbau, Mord. Der Täter: vom kapitalistischen Gedankengut infizierter Bauunternehmer. Die Guten: Die üblichen tapferen MUK-Ermittler. Grundidee: Wer seinen Marx nicht kennt, wird schnell zum Verbrecher.

Fall 2:
Wolfgang Mittmann: Tatverdacht (1980, Neues Leben)
Die Guten: Der übliche Oberleutnant. Das Delikt: Raubüberfall in einer Schraubenfabrik. Die Verdächtigen: Die Reparaturbrigade. Das Ermittlungsprinzip: Ene mene muh, weg bist du. Der Täter: Ein Angeber. Die Moral: die übliche.

 Fall 3:
Steffen Mohr: Blumen auf der Himmelswiese (1983, Das neue Berlin)
Die Story: Promiske Krankenschwester entdeckt, dass ihre große Liebe ein hinterhältiger Macho ist und weiß sich dann selbst zu helfen. Moral: Frauen und Männer passen auch im realen Sozialismus nicht zusammen.

Fall 4:
Louis Martin: Die Nacht vor dem Urlaub (1984, Das Neue Berlin)
Der Held: der übliche Hauptmann. Der Antiheld: braver Bürger im Strudel des Verbrechens. Die Story: Mann erschlägt den Dieb seiner Autobatterie und versucht, sich ein Alibi zu zimmern. Das Ambiente: realsozialistischer Kleinbürgermuff.
 
Fall 5:
Hans Siebe: Der Hausmeister (1989, Blaulicht Heft 278)
Der Ganove: Ein Hausmeister und Hochstapler. Der Ort: Rügen. Die Story: Mit geklautem Geld wird ein Westwagen angeschafft und auf der Ferieninsel der dicke Max markiert. Das Ende: Tiefe Reue und Rückführung ins Kollektiv.
 
Baukasten für den Wossi-Krimi:

Fall 1:
Peter Cahn: Gen-Crash (1994, Schwarzkopf & Schwarzkopf)
Die Guten: Naive, fortschrittsgläubige Junggenetiker. Die Bösen: Die üblichen Stasi-Altlasten und die üblichen multinationalen Pharmakonzerne. Das Szenario: mutiertes, brandgefährliches Schnupfenvirus gerät außer Kontrolle. Berlin wird aus Quarantänegründen wieder eingemauert.

Fall 2:
-ky: Blut will der Dämon (1993, rororo)
Der Gute: Altdynamischer, in den Osten abgeschobener Westkommissar. Die Bösen: die üblichen Stasi-Seilschaften und geldgeile Westsanierer. Das Szenario: Okkult aufgepepptes Gesellschaftsbild mit kriminalistischem Einschlag. Gimmick: Viele Fontane-Anspielungen.

Fall 3:
Joachim Wohlgemuth: Blutiger Kies (1993, Eulenspiegel)
Die Guten: Phlegmatische in die West-Kripo übernommene Ost-Bullen. Das Delikt: Bankraub mit Mord. Die Story: Bei der Aufklärung kommt ein Alt-Verbrechen zutage. Fazit: Schuld verjährt nicht und das Böse ist überall.

Fall 4:
Jürgen Kehrer: Killer nach Leipzig (1993, Grafit Verlag)
Der Killer: Netter Profi mit solider Berufsauffassung. Die Mission: Der leipziger Konkurrenz das Rotlicht ausblasen. Das Problem: Eine Frau. Die Moral: Hormone sind nicht gut für`s Geschäft.

 Fall 5:
Jacques Berndorf: Eine Reise nach Genf (1993, Goldmann)
Der Anfang: Ein Ministerpräsident geht baden. Die Idee: endlich die Wahrheit. Der Held: tapferer Journalist. Die Bösen: die üblichen Stasis, Verfassungsschützer und Waffenhersteller. Das Handlungsrezept: reisen und reden. Ergebnis: außer Spesen nichts gewesen.
 
Autorennotiz: 
H.P. Karr, 1955 in Thüringen geboren, lebt seit 1960 im Ruhrgebiet. Er ist Mitbegründer des Bochumer Krimi Archivs sowie Verfasser des »Lexikons der deutschen Krimi Autoren« und schmeißt mit Steinen, obwohl er im Glashaus sitzt: er veröffentlichte neben zahlreichen Kriminalhörspielen eine Reihe von Kriminalromanen, zuletzt (gemeinsam mit Walter Wehner) den Thriller »Geierfrühling« (Haffmans Verlag)
Erstveröffentlichung in:
West & Ost – Beiträge zu kulturellen und politischen Fragen der Zeit, herausgegeben von Volker Friedrich, Calw, ISSN 0949-1171, Heft 1/1995



West & Ost – Beiträge zu kulturellen und politischen Fragen der Zeit,
herausgegeben von Volker Friedrich, Calw, ISSN 0949-1171, Heft 1/1995


West & Ost – Beiträge zu kulturellen und politischen Fragen der Zeit,
herausgegeben von Volker Friedrich, Calw, ISSN 0949-1171, Heft 1/1995