20.4.14

Die telefonische Mordsberatung- Brennpunkt Metropole
Factsheet


Die telefonische Mord(s)beratung:Brennpunkt Metropole

Samstag, 26.04.2014


Schnelllebig und pulsierend ist das Leben in der Großstadt häufig beschrieben. Und es gibt es auch die Schattenseiten und Abgründe, die hervorragende Schauplätze für gute Kriminalromane bieten.


Ihr Krimi-Kompetenzteam: Reinhard Jahn, Thomas Hackenberg, Ingrid Müller-Münch, Ulrich Noller
Foto: WDR, mit freundlicher Genehmigung

Die Großstadt als Schmelzpunkt der Kulturen, der Träume, des Geldes und des Verbrechens – nicht erst seit Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" ist die Metropole schillernder Schauplatz von Literatur.
Das Los Angeles von Raymond Chandler, das New York von Jerome Charyn oder das Kapstadt des Deon Meyer sind bekannte Krimi-Metropolen mit eigenem Sound. Die Krimiexperten Ulrich Noller (KrimiZEITBestenliste), Reinhard Jahn (Bochumer Krimiarchiv) und die Journalistin Ingrid Müller-Münch haben sich an weiteren Großstadt-Tatorten umgesehen und empfehlen unter anderem die besten Thriller aus Berlin, Barcelona, London, Rom und Paris. Außerdem berät das Krimi-Kompetenz-Team natürlich wieder alle Livegäste in kniffeligen Krimi-Fragen.

Moderation: Thomas Hackenberg

Live aus dem
Bürgerkulturzentrum Windeck, 
in der Halle Kabelmetal.
Schönecker Weg 5
51570 Windeck
Beginn: 21.00 Uhr
Ende: 23.00 Uhr
Kartenpreise: 8,00 € | Karten ganz einfach per Mail bestellen: h.zuehlke@kabelmetal.eu


Megacities und Metropolen

Es gibt 10 Megacities – Städte mit mehr als 10 Mio Einwohnern.
Megacity
Land
Einwohner
Tokyo
Japan
31.480.000
Shanghai
China
14.609.000
Bombay
Indien
12.693.000
Karachi
Pakistan
11.627.000
Delhi
Indien
10.928.000
Neu Delhi
Indien
10.928.000
Manila
Philippinen
10.444.000
Moskau
Russ Föderation
10.381.000
Seoul
Südkorea
10.323.000
São Paulo
Brasilien
10.021.000

Quelle: http://www.laenderdaten.info/megacities.php

Die 10 tödlichsten Städte der Welt:
1.    San Pedro Sula, Honduras
159 Morde auf 100.000 Einwohner – das ist der traurige Rekord der Drogenstadt.
2.    Ciudad Juarez, Mexiko
6.000 Todesopfer der Drogenkartelle zwischen 2008 und 2010, doch „nur“ 148 Morde auf 100.000 Einwohner – das reicht für Platz 2
Weiter http://www.tourexpi.com/de-intl/news.html~nid=65311

Die gefährlichsten Städte der Welt
Kairo – In die Liste der gefährlichsten Städte gelangte Kairo hauptsächlich wegen der willkürlichen terroristischen Anschläge auf Touristenziele in den letzten Jahren.
Johannesburg – Hier ist bekanntlich die Kluft zwischen „arm“ und „reich“ besonders groß. Es gibt Gegenden, in die Sie ein Taxifahrer niemals bringen wird. Besonders „beliebt“ ist das „Car Hijacking“, bei dem vorzugsweise Autos, die an einer Kreuzung halten, überfallen werden. Dennoch ist die Lage heute besser, als der Ruf der Stadt.
Kapstadt – Manche beschreiben die Stadt als gefährlich, andere sagen, Kapstadt habe ein angenehmes Klima. Auch hier gilt: Keine persönlichen Ausweise im Auto liegen lassen, am besten vorher Kopien davon anfertigen. Eigene Wertsachen sollten niemals offen zur Schau gestellt werden, sonst ist man sie schneller wieder los, als man glaubt. Trotzdem gehört die Stadt zu einer der sehenswertestens Städten in Südafrika.
Weiter: http://www.mycitytrip.com/reisemagazin/die-gefaehrlichsten-grossstaedte-der-welt.25.htm

Und noch mehr Listen
Welche 10 Städte haben die höchste Kriminalitätsrate?
Die teuersten Städte der Welt - Hier ist das Leben richtig kostspielig
Die Städte mit den meisten Millionären - Die Top 10
Die größten Städte der Welt

 

Autoren und ihre Städte:

Raymond Chandler: Los Angeles (in den dreißigern)
3,7 Millionen Einwohner im Stadtgebiet
11,8 Millionen in der Metrolpolenregion

Raymond Chandlers Los Angeles
„‚Wir haben die aufgedonnerten Restaurants, Nachtklubs und das Gesindel einer hartgekochten Großstadt mit weniger Persönlichkeit als ein Pappbecher.’ — ‚Es ist dasselbe in jeder Großstadt, Amigo.’ — ‚Eine echte Großstadt hat noch etwas anderes, irgendeine knochige Struktur unter dem Mist. Los Angeles hat Hollywood — und hasst es. Es sollte sich verdammt glücklich schätzen. Ohne Hollywood wäre es eine Versandhausstadt: Nichts im Katalog, das man nicht woanders besser bekäme.’“ (‚The Little Sister’)
Quelle:
Dark City – Raymond Chandlers Los Angeles


Dashiell Hammett: San Francisco (in den dreißigern)
802000 Einwohner. Eher eine kleine Metropole, wie Frankfurt/M (687000)
"Der Malteser Falke" mit Sam Spade

Ed McBain: "Isola" (= New York)
Die Einwohnerzahl von Isola ist nicht bekannt,
New York hat etwa 8 Millionen Einwohner, größte Stadt der USA
Die Metropolenregion hat 18,9 Millionen Einwohner
Polizei- Romane mit dem 87ten Revier.
Isola ist eine fiktive Stadt, die sich an New York orientiert. Ed McBain erfand sie, so die Legende, weil er beim Schreiben seiner ersten Polizeiromane nicht dauernd vor Ort nach-recherchieren wollte.
WIKIPEDIA: The city is based on New York City, and similarly, has five sections, corresponding with the five boroughs of New York: Isola (Manhattan), Bethtown (Staten Island), Calm's Point (Brooklyn), Majesta (Queens), and Riverhead (Bronx). It has two major rivers, the Harb and the Dix, which inexplicably flow in a westerly direction despite the fact that Isola is on the East Coast.

Leo Malet: Paris ( in den vierzigern)
Aktuell hat Paris 2.249.975 Einwohner
"Die Geheinisse von Paris" ist ein Romanzyklus mit dem Detektiv Nestor Burma, der jeden Roman in einem anderen "arrondissement" ansiedelt.
WIKIEPDIA: 1943 erschien sein Roman 120, Rue de la Gare, der Beginn einer Reihe um den Pariser Privatdetektiv Nestor Burma, an der er die nächsten 30 Jahre schrieb. Bekannt wurde Nestor Burma durch 15 Kriminalromane, die den Zyklus Die neuen Geheimnisse von Paris bilden. Dies ist eine Anspielung auf den bekannten Roman Die Geheimnisse von Paris von Eugène Sue. Jeder dieser Romane spielt in einem anderen Pariser Arrondissement.
http://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Malet


Paco Ignacio Taibo II (kurz "PIT" genannt): Mexiko City
Mexico City /Mexiko-Stadt) hat etwa  8,8 Millionen Einwohner
PIT schrieb bisher etwa 8 Krimis mit dem mexikanischen Privatdtetektiv Hector Belascoaran Shayne ("Shayne" ist eine Referenz an an US-Detektiv "Michael Shayne", dem Serienhelden des US-Autor Brett Halliday in den 30ern)
WIKIPEDIA: Taibo II gilt als Begründer des neuen lateinamerikanischen Kriminalromans, der Stilmittel des Abenteuerromans, Politthrillers und Krimis miteinander verbindet. Weltweit bekannt wurde er durch die Figur des erst gestorbenen und dann wiederauferstandenen unabhängigen Detektivs Héctor Belascoarán Shayne, der im Großstadtdschungel von Mexiko-Stadt Ermittlungen durchführt, die ihn immer wieder in einen Sumpf von Korruption und politischer Repression führen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Paco_Ignacio_Taibo_II

Martin Cruz Smith: Moskau
Die Stadt hat etwa 11,5 Millionen Einwohner
Für seinen Roman "Gorki Park" mit seinem Helden Arkadi Renko (bisher acht Romane) entwarf der US-Amerikaner Martin Cruz Smith (*1942) ein halb recherchiertes, halb imaginiertes Moskau, das der damaligen Leserschaft eine atmospährisch dichten, detailreichen Einblick in die Hauptstadt der "alten" Sowjetunion bot. Dort war .- nach Erscheinen des Buches – der Besitz eines Exemplars von "Gorki Park" bei Strafe verboten. Für die Verfilmung wurden Glasgow und  Helsinki zu "Moskau" umgestylt.
Für seine späteren Arkadi Renko-Romane recherchierte Smith dann ausführlich vor Ort in Russland.
http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Cruz_Smith
Alf Mayer sagt dazu: Vor allem Moskau. Immer wieder Moskau. Und Russland. Die Heimat von Arkadi Renko. Moskauer Polizist und Outcast. Geschundener, Geprügelter. Gerechtigkeitsagent, Philosoph. Liebhaber, Ersatz-Vater. Sohn eines Generals, Veteran und Stoiker. Dieser komplexe russische Charakter betrat die Weltbühne erstmals 1981. Die Romanidee eines amerikanischen Autors, damals mitten im Kalten Krieg einen russischen Polizisten in Moskau zur Hauptfigur zu machen, wurde zuerst abgelehnt, erschien als Marktlücke aber dann so revolutionär und exotisch, dass Smiths Literaturagent bei Random House ein Honorar von einer Million Dollar lockerzumachen vermochte.
http://www.getidan.de/gesellschaft/leben/alf_mayer/10293/martin-cruz-smith-und-seine-arkadi-renko-romane


Leonardo Padura: Havanna,
bzw (spanisch La Habana)
oder vollständiger: Villa San Cristóbal de La Habana
Havanna ist die Hauptstadt Kubas hat hat 2,1 Millionen Einwohner
Das Havanna-Quartett von Leonardo Padura (* 1955 in Havanna)
In seinem „Havanna-Quartett“ fängt er die spezifische Stimmung der Krisenjahre Anfang der 1990er ein, in denen Kuba wirtschaftlich unter dem Wegbrechen der Solidar- und Handelsbeziehungen zum ehemaligen Ostblock zu leiden hatte. Der Polizeikommissar Teniente (Leutnant) Mario Conde als Protagonist repräsentiert eine Generation von Enttäuschten und romantisch Nostalgischen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Padura

Hamburg: Frank Göhre
Hamburg hat etwa 1,7 Millionen Einwohner
Frank Göhre schrieb die "Kiez Trilogie", später ergänzt um einen vierten Band.: über die Machtkämpfe und die Verschiebungen im Rotlichtviertel St. Pauli in den Achtzigern – die schließlich mit dem Auftritt des "Kiez-Killers" Werner "Mucki" Pinzner endeten, der noch in U-Haft ein Blutbad anrichtete
http://de.wikipedia.org/wiki/Mucki_Pinzner


Tokio: Mo Hayder, Barry Eisler 
Mit 31 Millionen Einwohner die größte "Megacity" der Welt.
Mo Hayders Roman ist die Geschichte einer Studentin die nach Tokio kommt, um ein Massaker aus dem japanisch-chinesischem Krieg (Nanking 1937) aufzuklären.
Mo Hayder (*1962) lebte einige Zeit in Tokio und arbeitete dort als Hostess und Englisch-Lehrerin.

Barry Eisler (*1964), arbeitete einige Jahre für die CIA  (als was auch immer), ehe er Schriftsteller wurde und  "John Rain", den Tokio Killer erfand (Bisher 7 Bände)
Barry Eisler über Barry Eisler: "Barry Eisler ist ein Thriller-Genie. Mit John Rain, dem Tokio Killer für natürliche Todesarten, erfand er einen Helden, der Männer begeistert - durch perfektes Karate zum Beispiel (schwarzer Gürtel!), perfekte Tarnung und perfekten Mut in lebensgefährlichen Situationen. Außerdem ist er ein Samurai (durch seinen japanischen Vater) und  ein amerikanischer Held (Vietnam-Krieg, CIA-Söldner). Er gefällt aber auch Frauen, weil er keinen Mordauftrag gegen sie annimmt, oft genug an sich selbst zweifelt, sich verliebt - und seiner Liebe treu bleibt, auch wenn er sich mit neuen Frauen einlässt.
http://www.barryeisler.com/index_german.php

Hongkong: John le Carré
"Eine Art Held" (The Honourable Schoolboy) ist "der" Hongkong-Thriller. Für den Mainstream-Roman ist dies "Noble House Hongkong" von James Clavell (1924-1994), im dem die Geschichte vom Aufstieg eines Handelshauses erzählt wird.
Es geht um den Gelegnheitsagenten Jerry Westerby, der vom britischen Geheimdienstchef  "Control" für eine hoch brisante Operation nach Hongkong geschickt wird.
http://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Art_Held

23.3.14

Marabo 2/1983
Dreh dich nicht um - Reportage Ladendiebstahl


Ladenklau: Dreh dich nicht um…

...der Detektiv geht um. "Du sollst nicht stehlen!" steht schon im Siebten Gebot der Bibel. Trotzdem schleppt der Ladenklau jährlich für mehrere Milliarden Mark Waren aus den Kaufhäusern. Unbezahlt.

Ein Privatdetektiv plaudert aus dem Nähkästchen.

Von Reinhard Jahn  und Annette Gilles

Wenn in einem großen Essener Bücherkaufhaus eine bestimmte Neunhunderternummer über die Lautsprecheranlage ausgerufen ist, ist der Bär los.
Dann kann man zwei gut gekleidete Herren durchs Taschenbuchsortiment nach vorn zur Kasse flitzen sehen, wo sie dann mit sanfter Gewalt - einer rechts, einer links - einen Kunden ins Gebet nehmen.
Ob's wirklich ein Ladendieb ist, stellt sich erst heraus, wenn der Unglückliche im Büro in der ersten Etage zur Sache "befragt" wird.

Das Räuber- und Gendarm-Spiel zwischen Rolltreppen und Warengondeln wird mehr als dreihunderttausend Mal im Jahr in der Bundesrepublik aufgeführt - mit wachsendem Erfolg: 1963 wurden nur 43.325 Fälle von Ladenklau angezeigt, 1974 waren es schon 188.560 und 1981 meldeten die Ladendetektive und Verkäufer mit den fixen Augen 312.920 große und kleine Fische bei der Kripo.
Trotzdem nennt die Kripo die Waren im Wert von zehn Millionen Mark, die 1981 allein in Nordrhein-Westfalen sichergestellt wurden, nur die "Spitze eines Eisberges". Die Schätzungen der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels gehen davon aus, dass im Lauf des Jahres Waren für mehrere Milliarden Mark unbezahlt aus den Warenhäusern und Supermärkten geschleppt werden.
"Einklaufen" nennt das der Volksmund.

"Kein Wunder, dass bei den anfallenden Verlusten der Sicherheitsanspruch der Händler zu stark ist", sagt Walter H. aus Witten dazu.

Und er muss es ja wissen, denn er lebt als freischaffender Privatdetektiv mit einer kleinen Agentur und ein paar "Überwachungsaufträgen" nicht schlecht vom Sicherheitsstreben der Einzelhändler. Als ehemaliger Polizeibeamter hat er "die beste Ausbildung, die man sich denken kann" und natürlich auch die entsprechenden rechtlichen Kenntnisse, um seine Arbeit abzusichern.
Denn was Recht ist, muss auch Recht bleiben - deswegen hat es auch wenig Sinn, Detektiv H. danach zu fragen, ob er sich beim täglichen Cop-and-Robber-Spiel als Held oder Bösewicht versteht.
Seine Rechtsauffassung ist ebenso einfach wie klar:  "Mich stört es, wenn einer einem anderen Sachen entwendet." Sobald er in "seinem" Kaufhaus einen Ladenklau entdeckt, gibt es für ihn nur noch seinen Kontrakt und sonst gar nichts.

Und da steht, dass so ein Dieb gestellt werden muss.  "Dass ist ja meine Aufgabe", meint er. "Ich habe einen Vertrag mit dem Kaufhaus. Das ist  keine Frage."
Und natürlich juristisch wasserdicht nach § 855 BGB abgesichert: "Ich handele im Auftrag des Hauses. Als Besitzdiener!" Und als Besitzdiener hat er darauf zu achten, ob jemand "eine "fremde bewegliche Sache" wegnimmt, "mit der Absicht, sie sich rechtswidrig anzueignen." (§ 242 StGB)
Der Ladenklauer selber hat wenig Verständnis für solche formaljuristischen Differenzierungen, für ihn ist der Ladendetektiv einfach der "Greifer", der einen "weggreift", wenn man so dumm war, sich erwischen zu lassen.

Ansonsten  gibt es kaum fremde und bewegliche Sachen, die nicht mitgenommen werden. Von der Waschmaschine bis zum Lippenstift wird alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest oder gut gesichert ist.
Detektiv H.: "Solche Schwachstellen, wo es dem potentiellen Dieb unheimlich leicht gemacht wird, müssen natürlich beseitigt werden!" Und zwar nicht nur im Verkaufsraum, sondern auch im Lager, denn das Personal ist mindestens so schlimm wie der Ladenklau unter der Kundschaft. Im "Rampengeschäft", weiß unser Detektiv, "da wird natürlich viel geschoben, auch in den Außenlagern und so weiter."
Ein Drittel lässt die Kundschaft mitgehen, ein Drittel das Personal und ein Drittel verschwindet durch Fehler bei der Warenhaltung und Warenbewegung - so schlüsseln Fachleute den Schwund auf, der in manchen Fachgeschäften bis zu drei Prozent des Umsatzes ausmachen soll.
Detektiv H. meint dazu aus eigener Erfahrung: "Ich würde sagen, es kann sich die Waage halten zwischen Personal und der Kundschaft, aber die Fehler in der Warenbuchhaltung selbst werden durch den Einsatz modernster Technik praktisch auf ein Minimum reduziert."

Mit der modernen Technik hat sich auch der Dieb auseinanderzusetzen, der es• auf Luxusgüter abgesehen hat. Da nageln Textilhäuser tellergroße Plastikmarken in die Konfektion, leimen die Schallplattenabteilungen magnetisierte Kontrollstreifen auf Tonbandkassetten und die Radioabteilung klemmt Elektrokontakte an Radiorecorder und Fernsehportables. Aber egal, was sich die Konzerne auch einfallen lassen, um dem Ladenklau das Leben schwer zu machen - die Anhänger des schottischen Einkaufens sind den Technik-Tüftlern der Sicherheitsindustrie durchaus gewachsen.
"Man versucht natürlich immer, die Nase vorn zu halten", sagt Detektiv H. dazu. "Aber was nutzt eine teure Technik, wenn sie nach einem halben Jahr überfällig geworden ist?" Denn nach. einem halben Jahr hat auch irgendein technisch versierter Ladenklau den Dreh gefunden, mit dem man Kontrollmarken selbst entfernen kann, ohne dass eine Sirene aufheult. Oder er hat zumindest einen Notausgang ohne Sensoren entdeckt, durch den er verschwinden kann.

Nachdem die Kaufhäuser dazu übergegangen sind, Ladendiebe grundsätzlich anzuzeigen, bringt jeder Fall für den Detektiv noch einen Sack voll Arbeit mit sich: im Kaufhausbüro muss überprüft werden, was der Dieb hat mitgehen lassen, seine Personalien werden festgestellt, ein Hausverbot wird ausgesprochen und die Anzeige für die Polizei geschrieben. Dann geht alles seinen behördlichen Gang: Ermittlungen werden angestellt, und sobald jemand bei der Staatsanwaltschaft ein öffentliches Interesse an der Sache feststellt, wird auch Klage erhoben. Die kann dann bei Wiederholungstätern, Bandendiebstählen oder Vorfällen, bei denen Raubelemente mit im Spiel waren, böse Folgen haben: "Dann werden ganz empfindliche Strafmaße ausgesprochen!" erklärt Detektiv H. und erinnert sich an ein wiederholt aufgefallenes Ehepaar, das schließlich 24 und 20 Monate auf Bewährung bekam, zuzüglich 5.000 DM Geldstrafe.
Wie bestraft wird, hängt grundsätzlich von der Einschätzung der Staatsanwaltschaft ab, die bei Ersttätern oder Bagatellsachen auch schon mal einen Ladenklau mit einem blauen Auge in Form einer Geldspende an eine gemeinnützige Vereinigung davonkommen lassen. Großer Beliebtheit erfreut sich auch der Wochenendeinsatz in sozialen Einrichtungen.

Solche Maßnahmen gelten nicht als Vorstrafen, ganz im Gegensatz zum normalen Strafbescheid über 100 oder 150 Mark und mehr, der bei den Unbelehrbaren erlassen wird. 
Aber bevor man den Ladenklau verurteilen kann, muss man ihn erst erwischen. Detektiv H. bekommt durchschnittlich zehn Anzeigen im Monat durchs Gefühl: "Wenn man das lange genug gemacht hat, bekommt man automatisch ein Gespür" dafür, dass da etwas laufen könnte", sagt er. "Also ich seh das an den Augen. Ich habe schon Fälle gehabt, da habe ich gesagt: 'Also, dem gehen wir hinterher!' Das war am Haupteingang, und dann sind . Wir drei Etagen hochgefahren, das hat eine ganze Stunde gedauert, und' dann hat der auch geklaut!"

Es ist natürlich das Verhalten, das den Ladendetektiv aufmerksam werden lässt: Das Umherschauen, die Blicke zum Verkaufspersonal und die Position, in der man zum Warensortiment steht. "Aber das sind schon wieder Sachen", sagt Detektiv H., "die möchte ich nicht so gerne erzählen. Wenn die veröffentlicht werden, dann könnte der Täter sich natürlich darauf einstellen."
Für seine überwiegend jugendliche Kundschaft hält sich Detektiv H. mit Schwimmen und Dauerläufen in Form: 37 Prozent aller gefassten Ladendiebe sind unter 21 Jahren alt, und was sie klauen, ist eigentlich kaum der Mühe wert, hinter ihnen herzujagen. 58 Prozent der Ladendiebe hatten Waren im Wert bis zu 25 Mark eingesteckt, 27 Prozent hatten nach Sachen gegriffen, die bis zu hundert Mark kosteten.
Der Trickdieb, der mit der Sackkarre über die Laderampe kommt, den Verkäufer fragt, ob er ihm doch bitteschön die zehn Videorekorder aufladen könne und der dann verschwindet, nicht ohne noch vorher einen Karton Kassetten mitgenommen zu haben, ist die Ausnahme, genauso wie der Landgerichtspräsident oder die Nonne, die schon beim Klaufen erwischt worden sind. Oder auch der Gerichtsgutachter mit dem Spezialgebiet 'Kleptomanie und Ladendiebstähle', den ein Rasierspiegel vor den Kadi brachte. Wer den Schaden hat, braucht für die Kosten nicht zu sorgen.

Egal, ob sich ein Kaufhaus eine Stücksicherungsanlage für 50.000 Mark leistet oder sich wie die Karstadt AG 180 Detektive - pensionierte Polizisten, ehemalige Zeitsoldaten und  Bundesgrenzschützer - in Lohn und Brot hält (Kostenpunkt: 8 Mio. Mark), man fühlt sich der Faustregel verbunden, dass Eigentum verpflichtet. Und zwar zum Schutz desselben vor Langfingern. Dazu ist dann auch jedes Mittel recht: da werden die Namen der ertappten Ladendiebe am Schwarzen Brett ausgehängt, da schnüffeln durch Kopfprämien (die der Ladendieb zu zahlen hat) scharfgemachte Verkäufer in den Taschen der Kunden in der Kassenschlange. Oder man sagt dem Kunden gleich, dass man glaubt, er könne seinen inneren Schweinehund nicht im Zaum halten:

"Bitte schließen Sie Ihre Tasche doch am Eingang in unsere Schränke ein." "Vertrauenskunden" führen das Personal in Versuchung; "Schmuhgeld" an der Registrierkasse vorbei in die eigene Tasche zu stecken.
Den Ladendieb aber, den fortgeschrittenen, ficht aller Sicherheitsaufwand kaum an. Wird ihm das Pflaster in einem Laden zu heiß, wechselt er einfach ins Nachbargeschäft, da klappt dann meistens alles wie gehabt: Kleine Sachen verschwinden in tiefen Parka- oder Manteltaschen, die unten aufgeschnitten sind, damit zwischen Futter und Stoff genügend Platz zum Bunkern entsteht. In den Umkleidekabinen von Textilgeschäften schlüpft man in zwei oder drei Paar Hosen, zieht noch eine Jacke drüber und verschwindet.
Im Kaufhaus-Supermarkt wird rasch eine Flasche Schnaps über die Barriere zum Kumpel hinübergereicht, oder, wie man sich in Insiderkreisen erzählt, die Kaviardose in der Tüte mit den Weintrauben versteckt.
Wie sich überhaupt das Prinzip "Teure geklaute Ware in der billigen gekauften" immer mehr durchsetzt, seitdem die dreiteiligen, bombenfest geklebten Preisschilder den notorischen Etikettenknibblern den Garaus gemacht haben, die es schon fertiggebracht haben sollen, den Krimsekt (cirka 20 Mark) zum Preis von deutschem Schaumwein (5 Mark) durch die Kasse zu bringen.


Beim Diebstahl selbst muss man auch die Spezialisten erwischen, die zunächst einmal wirklich einkaufen und dabei ihre Handschuhe an der Kasse liegenlassen. Nach zwei Minuten kommen sie mit leerem' Einkaufsbeutel zurück, füllen alles, was sie eben gekauft haben hinein und holen sich die Handschuhe an der Kasse wieder ab. Hat man den Spezialisten nicht beim zweiten Mal dabei beobachtet, wie er gestohlen hat, kann man ihm nur sehr schwer auf die Schliche kommen, denn schließlich hat er für alle Waren in seiner Tüte noch einen Bon, den er beim ersten Einkauf bekommen hat. Dass die Dinge aus dem ersten Einkauf aber beim Kollegen draußen auf der Straße deponiert sind, geht keinen was an.
An die Grenze des Betruges geht es auch, wenn sich einer ein Gerät für fünfzig Mark kauft, sich dann ein zweites Exemplar aus dem Regal nimmt und es samt Kassenbon bei der Kundendienstabteilung zur Reklamation oder zum Umtausch vorlegt. Mit dem Warenscheck, den er dann meist bekommt, kann er weiter einkaufen.

Als Gesellschaftsspiel bei Jugendlichen ist auch das Gruppenklauen eingerissen, bei dem einer oder zwei die Verkäuferinnen mit dummen Fragen ablenken, während die anderen . die Regale abräumen.
Was geklaut wird und von wem kann sich jeder Geschäftsmann ausrechnen, wenn er sich die Gegend betrachtet, in der sein Laden liegt. Detektiv H.: "Wenn es zum Beispiel ein Warenhaus im Bereich einer Berufsschule ist, dann kann man davon ausgehen, dass vor allem Kosmetika und Alkohol gestohlen wird. Natürlich hängt das alles auch vom Sortiment ab, das angeboten wird. Wie das ausgestellt ist und was da für Ware präsentiert wird." Wer in diesem Zusammenhang allerdings den Ladenklau ideologisch als eine Art angewandter Kapitalismuskritik verbrämen will, der übersieht, dass in der Regel zwar mit einem erfrischend unterentwickelten Unrechtsbewusstsein aber ohne jede weltanschauliche Basis geklaut wird, Der persönliche Erfolg steht im Vordergrund und das Erlebnis des Konsumrausches ohne finanzielle Reue. Das ist die Klemme, in die sich die Herren der Konsumtempel mit ihren psychologisch 'ausgetüftelten Verkaufsdisplays und Warenpräsentationen selbst hineinmanövriert haben: Der Kunde soll sich vergessen und zugreifen - egal ob er das Ding braucht oder nicht. Wie perfekt ihre Strategien wirken, können die Warenhäuser eigentlich am Ladenklau messen. Der greift nämlich zu und vergisst auch noch das Bezahlen.

Reinhard Jahn und Annette Gilles:
Dreh dich nicht um
Reportage Ladendiebstahl
in: MARABO, Heft 2(Februar) 1983, S.40 - 42