7.6.15

Die telefonische Mordsberatung:
Ein guter Krimi macht noch keinen guten Film - FACTSHEET


Die telefonische Mord(s)beratung: 

Ein guter Krimi macht noch keinen guten Film - Mord auf der Leinwand


Das Krimi-Kompetenzteam:
Reinhard Jahn, Thomas Hackenberg, Ingrid Müller-Münch, Ulrich Noller
Bild: WDR, mit freundlicher Genehmigung

Auf der Leinwand werden große Geschichten erzählt – von Sehnsüchten, Wünschen und besseren Welten, aber auch von menschlichen Abgründen und Dystopien.

Nicht die "Traumfabrik" zieht das Krimi-Kompetenzteam der Mordsberatung in die neue Luxus-Lounge des ufa-Kinos am Hauptbahnhof, sondern die Frage:
Warum werden aus guten Kriminalromanen mitunter schlechte Filme – oder umgekehrt? Braucht ein Buch besondere Eigenschaften, damit ein Regisseur darauf aufmerksam wird?

Die WDR 5-Krimi-Experten Ulrich Noller (KrimiZEIT-Bestenliste), Reinhard Jahn (Bochumer Krimiarchiv) und die Journalistin Ingrid Müller-Münch suchen nach dem Rezept, das aus L.A. Confidential von James Ellroy, "Drive" von James Sallis, und "Gone Girl" von Gillian Flynn Erfolgsfilme machte. Außerdem haben sie Klassiker wie den "Malteser Falken" und "Zwei Fremde im Zug" gesichtet. Garantieren Hollywoodstars volle Kinos, oder braucht es mehr, muss es z.B. ein genialer Filmemacher sein, der einen Stoff umsetzt?

Chief-Inspector Thomas Hackenberg führt die Regie bei der Expertenrunde, die natürlich auch wieder ihre Favoriten aus den Bestsellerlisten vorstellt.

Aufzeichnung der Sendung am 9.6.2015
Ort: Ufa-Cineworld, Ufa-Lounge- Worringer Straße 142 - 40210 Düsseldorf
Beginn:    20.00 Uhr  - Ende:     22.00 Uhr
Ausstrahlung der Sendung am 27.6.2015, 21.05 WDR 5

Hörerinnen und Hörer können sich per E-Mail an der Sendung beteiligen. mordsberatung@wdr.de
Redaktion: Petra Brandl-Kirsch

Einige Thesen zu Romanverfilmungen



Gute Bücher – schlechte Filme oder umgekehrt
Was macht eine gute Kriminalroman-Verfilmung aus?
  • a) ein gutes Drehbuch
  • b) gute Darsteller
  • c) gute Regie
Jeder Leser macht sich bei der Lektüre seine eigenen Vorstellung von Figuren, der Atmosphäre und auch von der Dynamik des Buches, das er liest. Er mischt die Eindrücke seiner Lektüre mit eigenen Erfahrungen und Werten, so dass er von dem Buch auf eine besondere, persönliche Weise angesprochen ist.

Ein Film liefert dagegen nicht nur interpretierbare Beschreibungen von Figuren, sondern Bilder von ihnen. Hier ist es dann die Aufgabe von Schauspielern und Regie, in der Inszenierung und der Darstellung die nötigen Reflexionsflächen und emotionalen Bezugsräume für den Zuschauer schaffen.

Die "Wirkung" eines Filmes unterscheidet sich sicher immer von der Wirkung des zugrunde liegenden Buches. Von daher kann es keine "perfekte" Romanverfilmung geben, sondern nur eine möglichst gute, interessante, ästhetisch gelungene Neuschöpfung des Romanstoffes in einem anderen Medium.

Kritik, die an Verfilmungen geäußert wird – oft von Autoren, noch öfter von Zuschauern:
  • -man hat sich das Ausssehen/Verhalten von Personen ganz anders vorgestellt
  • -die Komplexität der Handlung/des Plots wurde extrem vereinfacht
  • -es wurden große inhaltliche Veränderungen vorgenommen.
  • -Es tauchen Figuren auf, die nicht im Buch stehen, dafür sind Buchfiguren verschwunden.

Andererseits werden Romanverfilmungen gelobt, weil sie:
  • -Atmosphäre, Stimmung und Ton der Vorlage genau treffen
  • -die Handlung entschlacken und gradliniger gestalten
  • -viele Spielereien des Buches einfach weglassen und
  • -stattdessen neue, eigene, filmische Elemente hinzufügen
  • -nicht auserzählte Handlungsstränge weiterführen,
  • -Personen hinzufügen, die genau in den Erzählkosmos passen und dadurch die Komplexität erhöhen
FAZIT:
Was bei der einen Romanverfilmung positiv wirken mag, kann bei der anderen extrem negativ wirken.
Es scheint darauf anzukommen, dass die Filmcrew im wesentlichen den "spirit" des Romanes erfasst und ihn sich aneignet.

Welche Romane eignen sich zur Verfilmung?
  • -alle
  • -Bestseller (wegen des erhofften Publikumsinteresses)
  • -Genrestücke (wegen der Nähe zu Genrefilmen)

Beispiele für gelungene Verfilmungen von Kriminalromanen:

Die sieben besten Verfilmungen von Kriminalromanen 

Die fünf oder sechs besten deutschen Krimi-Verfilmungen


5.6.15

Das aktuelle Krimi-Ranking:
Die fünf oder sechs besten deutschen Krimi-Verfilmungen

Das aktuelle Krimi-Ranking:
Die fünf oder sechs besten deutschen Krimi-Verfilmungen


Platz 5
Nachts, wenn der Teufel kam
Deutschland 1957
Regie: Robert Siodmak
Mit: Mario Adorf

Worum geht es?
Deutschland 1944 – der Hilfsarbeiter Bruno Lüdke gerät  in Verdacht, ein mehrfacher  Frauenmörder  zu sein. Weil es aber mit der NS-Ideologie nicht vereinbar ist, dass ein debiler Serientäter im Dritten Reich jahrelang unentdeckt töten kann, wird der für die letzte bekannte Tat verhaftete Unschuldige verurteilt und "auf der Flucht erschossen", während Lüdke ohne Gerichtsverfahren ermordet wird.
Die Rolle des Bruno Lüdke wurde von dem damals noch unbekannten Mario Adorf gespielt und war der Anfang seiner Weltkarriere.

Was war die Roman-Vorlage?
Die Reportage "Nachts, wenn der Teufel kam" des Journalisten und Reporters  Will Berthold über den angeblichen Serienmörder Bruno Lüdke, veröffentlicht in der Münchner Illustrierten. Schon die als Reportage verkaufte Fassung des Stoffes sah sich der Kritik mangelnder Recherche und auch teilweise umgedeuteter Fakten ausgesetzt. Das alles konnte aber nicht den Erfolg des "Romans" und des Films verhindern, weil gerade letzterer sich als "Anti-Nazi-Film" (so Regisseur Siodmak) verstanden wissen wollte.


Platz 4
Vier Schlüssel
BRD 1965 
Regie Jürgen Roland
Mit Günther Ungeheuer, Horst-Michael Neutze, Walter Rilla, Monika Peitsch













Worum geht es?
Eines der ersten Heist-Movies im Nachkriegsdeutschland: In einer Hamburger Bank werden über das Wochenende 3,5 Millionen Deutsche Mark im Tresor eingelagert. Der Tresor kann nur mit vier Schlüsseln geöffnet werden, die von verschiedenen Funktionsträgern der Bank mit sich geführt werden. Eine straff organisierte Gangstertruppe unter Leitung von Alexander Ford (Neutze) schafft es, die vier Schlüsselträger festzusetzen und ihnen unter Drohungen die Schlüssel abzupressen. Der Coup scheint zu gelingen, bis am Ende doch alles schiefgeht

Jürgen Rolands kühle, protokollartige Regie, die klare Kameraführung und die konsequente Spannungsdramaturgie, die die zahlreichen Handlungsstränge mit Cliffhangern zusammenbindet sorgten für ein perfektes Spannungsstück. Dass die Figuren meist schablonenhaft blieben, fiel da nicht besonders auf – auch weil mit Horst-Michael Neutze und Günther Ungeheuer zwei echte Könner im Genre des "bösen Buben" am Start waren.

Welcher Roman war die Vorlage?
"Die vier Schlüssel" von Max Pierre Schaeffer. Der Journalist Schaeffer ließ sich für seinen Roman von einem authentischen Fall aus der Schweiz inspirieren. Zugleich fiel der Film auch in die Zeit, als die englischen Posträuber (1963) mit ihrem perfekt geplanten Coup das Interesse an solchen Heist-Stoffen geweckt hatten. Zeitgleich zur Premiere der "Vier Schlüssel" entstand bereits die dreiteilige Fernsehverfilmung des Posträuber-Dokudramas "Die Gentlemen bitten zur Kasse", nach dem Tatsachenbericht von Henry Kolarz.

Platz 3
Der Schneemann
BRD 1985
Regie: Peter F. Bringmann
Mit: Marius Müller-Westerhagen


Worum geht es?
Der klugschwätzende Abenteurer und halbseidene Entrepreneur Dorn (im Buch: Blum)  hängt auf Malta fest und versucht 5000 dänische Pornohefte nach Ägypten zu verkaufen. Der Deal geht schief und unter dem Toupet seines toten Aufkäufers findet er einen Gepäckaufbewahrungsschein des Münchner Hauptbahnhofs. Was lagert dort? Ein Karton mit 25 Dosen Old Spice Rasierschaum – allerdings mit speziellem Innenleben: zweieinhalb Kilo reinsten Kokains. Wenn Blum die an den richtigen Kunden verkaufen kann, ist er alle seine Sorgen los.
"Der Schneemann" kam 1985 als Star-Vehikel für Marius Müller-Westernhagen in die Kino. MMW war damals noch kein Rockstar war, sondern hatte gerade erst als Schauspieler einen Kassenerfolg in der Verliererkomödie "Theo gegen den Rest der Welt" erzielt.
Das "Schneemann"-Drehbuch von Matthias Seelig übernimmt nur wenig aus dem Roman, aber es sind die wesentlichen Dinge: Blum/Dorns Klugschwätzereien, seine träge Verachtung für alles konventionelle und bürgerliche und nicht zuletzt seine Stehaufmännchen-Mentalität. In seinem weißen Leinenanzug wirkt er wirklich wie ein aus der Zeit gefallener Sohn der Schwarzen Serie.

Welcher Roman war die Vorlage?
"Der Schneemann" (1981) von Jörg Fauser (1944 bis 1987). Fauser war Journalist, Junkie, Lyriker, Schriftsteller, der souverän jede Einordnung in die E- oder U-Kategorien umschiffte. Den deutschen Krimi seiner Zeit hat er gehasst, was ihn aber nicht daran hinderte, einige der besten deutschen Krimis seiner Zeit zu schreiben.
"Der Schneemann" ist ein auf seine ganz spezielle Art vom Koks befeuertes literarisches Road-Movie durch die Bundesrepublik der Achtziger, inspiriert von der stilistischen Finesse eines Raymond Chandler und dem Rebellentum eines Marlon Brando, über den Jörg Fauser eine Biographie schrieb. Später erklärte Fauser gern, der "Schneemann" sei nur zum Geldverdienen geschrieben worden – aber vielleicht ist er gerade deshalb so gut, so konzentriert, so schnörkellos perfekt, wie es Fausers spätere Krimis nie wieder wurden.

Platz 2
Die Katze
BRD 1988
Regie: Dominik Graf
Mit: Götz George. Gudrun Landgrebe, Heinz Hoenig, Ralf Richter


Worum geht es?
Düsseldorf, 16. Juni 1987. Meistergangster Probek (George) hat einen Plan am Start, der ihm und seinen Mittätern (Hoenig und Richter) drei Millionen Mark Lösegeld bringen soll. Probeks Komplizen überfallen dazu eine Bank und nehmen Geiseln, die gegen das Lösegeld ausgetaucht werden sollen. Es entspinnt sich ein psychologischer Nervenkrieg zwischen den verschiedenen Parteien - Polizei, Gangster, Probek – der am Ende von einem Showdown beendet wird.
Kritiker bezeichneten die frühe Kinoarbeit von Dominik Graf durchaus wohlwollend als den schmutzigen kleinen Bruder von "Dog Day Afternoon" von Sidney Lumet. In der temporeichen, dichten Inszenierung zeigte Graf  schon damals alle seine Stärken und Vorlieben – die hektischen Bilder der bewegten Kamera aus den Krisenstäben, die verwackelten Observationsbilder des Bankraubes, das beständige Annähern an die Orte aus verschiedenen Perspektiven und last but not least – die Verwendung der Tonspur mit Sprechfunk als eigenen Handlungsträger.

Welcher Roman war die Vorlage?
"Das Leben einer Katze", später "Die Katze" von Uwe Erichsen ist ein reines Genrestück aus der Werkstatt des Spannungs-Spezialisten Erichsen, der seine Karriere als Jerry Cotton-Autor  und startete und später für "Der Fahnder" und andere Serien aus der Produktion der Münchner Bavaria schrieb, wo auch Dominik Graf sich seine ersten Sporen verdiente. Die Story funktioniert nach dem Prinzip des Masterminds mit einem Masterplan, der am Ende dennoch mit seinem Vorhaben scheitert.

Platz 1
St. Pauli Nacht
BRD 1999
Regie: Sönke Wortmann
Mit: Armin Rohde, Heiner Lauterbach, Benno Führmann, Christian Redl

Worum geht es?
Shortcuts und Episoden aus dem Tag- und Nachtleben im Hamburger Stadtteil St. Pauli: In mehreren miteinander verketteten Episoden erzählt der Film den vergangenen Tag aus der Perspektive verschiedener beteiligter Personen, so unter anderem eines Taxifahrers, eines Kleinkriminellen, einer transsexuellen Prostituierten und zweier Jugendlicher.
Der Film besticht nicht nur durch sein All-Star-Cast (Rohde, Führmann, Lauterbach, Redl), sondern vor allem durch seine inszenatorische Dichte, die die ansonsten disparaten Elemente der Handlung zu einem Ganzen zusammenfügt. Die besondere Glaubwürdigkeit erlangt dies alles nicht zuletzt durch die prägnanten und präsenten Dialoge, durch die perfekte Beherrschung der Dialekte und Soziolekte des Viertels – was klar auf das Konto des Drehbuchautors Frank Göhre geht.

Welcher Roman war die Vorlage?
"St. Pauli Nacht" von Frank Göhre, der Roman entstand bereits im Zusammenhang mit der Drehbucharbeit zum Film und nimmt in seiner Erzählweise das fragmentarische des Films auf, ergänzt die Handlungsteile um einige weitere Elemente zeigt genau wie der Film seine  Stärken den Dialogen und dem extrem dichten Erzählton.



Und außer Konkurrenz:
Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
BRD 1981
Regie: Uli Edel
Mit: Natja Brunckhorst

Worum geht es?
Die 15-jährige Christiane F. aus einem Plattenbau in der Berliner Vorstadt gerät in die jugendliche Drogen- und Prostituiertenszene am Bahnhof Zoo. Uli Edel sprang bei der Regie des Films für Roland Klick ein, der sich kurz vor Drehstart mit dem Produzenten Bernd Eichinger überworfen hatte. Edel inszenierte das mehr als zwei Stunden lange Stück stets dicht dran, dokumentarisch und mit viel Raum für spekulative Bilder von Jugend-, Sex- und Drogenelend.



Was war die Vorlage?
Die Zeitschriftenserie und der Tatsachenroman "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" von Christiane F. , aufgezeichnet von Kai Herrmann und Horst Rieck (1978). Die Buchausgabe der Zeitschriftenserie gehört zu den am meisten verkauften deutschen Sachbüchern. Vorwürfe, die Not und das Schicksal ihrer Protagonistin für eine spekulative Zeitschriftenstory ausgenutzt zu haben, wiesen die Autoren stets zurück.