Kapitel 1 – Ein Leben voller Rätsel
„Arnau?“ – die Archivarin schaut skeptisch. „Wann hat er denn gelebt?“
„1894 bis 1976“, lautet die Antwort.
„Und was hat er geschrieben?“
„Rund hundert Bücher.“
„Ach so …“
„Davon über zwanzig Krimis.“
„Hmm.“
„Außerdem Sachbücher über Kriminalistik, Menschenraub, Kunstfälschung, Briefmarken, Zeitgeschichte …“
„Aha.“
„… und dazu Essays, Theaterstücke, Drehbücher, Zeitungsartikel.“
Als die Archivarin schließlich mit einer Mappe voller Zeitungsausschnitte zurückkommt, ist klar: Frank Arnau war weit mehr als „nur“ Krimiautor.
Im Bochumer Krimi-Archiv füllt sein Werk gut einen halben Meter Regal: zwei Dutzend Kriminalromane, meist bei Ullstein oder Goldmann erschienen, daneben Sonderausgaben für Buchclubs und Kaufhäuser. Die Titel klingen so, wie man es von klassischen Krimis erwartet – mal geheimnisvoll („Lautlos wie sein Schatten“, „Tanger nach Mitternacht“), mal sachlich-nüchtern („Mordkommission Hollywood“, „Heroin AG“, „Pekari Nr. 7“). Dahinter stecken solide Police-Procedurals mit Whodunit-Elementen – manchmal auch echte kleine Perlen.
Doch Arnau schrieb nicht nur Krimis. Wer in Bibliotheken nach seinen frühen Werken sucht, merkt schnell, dass sie selten zu finden sind. Viele seiner Bücher aus der Weimarer Zeit – etwa Das Antlitz der Macht (1930), Gesetz, das tötet (1930) oder Die Maske des Dr. Bruce (1932) – sind so rar, dass selbst hartnäckige Fernleihanfragen abgewiesen werden. Erst wenn klar ist, dass es sich um ernsthafte Forschungsarbeit handelt – zum Beispiel für eine Dissertation über Unterhaltungsliteratur in der Weimarer Republik – bekommt man sie.
Am 11. Februar 1976 stirbt Frank Arnau im Münchener Klinikum rechts der Isar an den Folgen eines Schlaganfalls. Die Deutsche Presse-Agentur verschickt einen 50-Zeilen-Nachruf: geboren 1894 als Sohn eines Genfer Hoteliers, mit 17 Polizei- und Gerichtsreporter, 1933 Emigration nach Frankreich, 1939 nach Brasilien, 1955 Rückkehr nach Deutschland. Rund 100 Bücher, übersetzt in 17 Sprachen. 1968 Ehrendoktor der Humboldt-Universität Berlin (Ost), Ehrenmitglied der National Sheriffs Association in Washington – als einziger Deutscher.
Die großen Zeitungen berichten. Doch trotz seiner 400-seitigen Autobiografie bleibt vieles geheimnisvoll. Hieß er wirklich Frank Arnau oder eigentlich Heinrich Schmitt, wie DDR-Quellen behaupteten? Arbeitete er im Ersten Weltkrieg als Spion für Wien auf dem Balkan? Und was verbarg sich hinter nebulösen Berufsbezeichnungen wie „Werbechef“, „Leiter des literarischen Büros“ oder „Vorstandsberater“?
Sicher ist: Arnau war ein Mann voller Widersprüche. Einerseits machte er Öffentlichkeitsarbeit für Konzerne wie Adler, Daimler-Benz, BMW oder die Deutsche Bank – was heute nach Industriepropaganda klingt. Andererseits schrieb er Romane, die genau diese Verflechtungen von Wirtschaft und Kapital kritisierten. Er bewegte sich in den goldenen Zwanzigern zwischen Politikern, Künstlern und Unternehmern, kannte Polizeipräsidien und Gerichtssäle ebenso gut wie Theater und Salons – und war sich nicht zu schade, auch mal einer Boulevard-Sensation hinterherzujagen.
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