12.1.14

Marabo 9/1980
In den Wind geschrieben?
Porträt SCHREIBHEFT

In den Wind geschrieben ? 
SCHREIBHEFT - ein Essener Literaturmagazin

Von Reinhard Jahn

Man nennt sie die 'little Mags': die kleinen und kleinsten Literaturzeitschriften, die zumeist auf den hintersten Regalbrettern der Buchhandlungen liegen und nur nach einigem Stöbern zu entdecken sind.
Während die 'Akzente' oder das 'Literaturmagazin ' sich bundesweiter Bekanntheit und Anerkennung erfreuen, kämpfen 70 bis 80 kleine Magazine mit so phantasievollen Titeln wie 'Omnibus', 'Am Erker', 'Analle' oder 'Der Tod' ständig mit Organisations-, Finanzierungs- und Vertriebsproblemen. Und nicht selten segnet ein 'little mag' mit seinem Anliegen, neue, junge Literatur zu veröffentlichen, schon nach zwei bis drei Nummern das Zeitliche.
Das Essener 'Schreibheft' -laut Untertitel 'Zeitschrift für Literatur und kulturelle Initiativen' behauptet sich auf dieser stark fluktuierenden Szene mittlerweile nun schon im vierten Jahrgang.
Aus der DIN A 5-kleinen, maschinengeschriebenen und photomechanisch vervielfältigten Zeitschrift für 'Prosa, Lyrik, Essay', die Schreibheft-Herausgeber Ulrich Homann 1977 zusammen mit Teilnehmern des Literaturkurses der Volkshochschule veröffentlichte, ist inzwischen ein wirkliches Literaturmagazin geworden: Kein alternatives Schreibmaschinengeletter mehr, sondern sauberer Photosatz, dazu ein seriöses Layout, aufgelockert mit künstlerischen Fotografien.
Anzeigen von Geschäftsleuten und der Stadt Essen belegen, dass nicht nur Literaturinteressenten dem Schreibheft Bedeutung zumessen.
Ulrich Homann, 26, und  Norbert Wehr, 24, in deren Verlag das Schreibheft erscheint, sind in Personalunion Redakteure, Layouter, Vertriebsleiter und alles andere, was sonst noch zur Herstellung einer Zeitschrift benötigt wird.
"Idealismus und Spaß an der Sache", sagt Norbert Wehr, "ist eigentlich Voraussetzung für ein solches Unternehmen. Es gibt Herausgeber, die manchmal sogar einen Kleinkredit aufnehmen, um eine Nummer herauszubringen. Dagegen sehen wir, die wir das Schreibheft ungefähr - immer bei Plusminus Null halten können, noch ziemlich gut aus." 
Ab 1978 erschien das Schreibheft zusammen mit dem Aachener Magazin 'Das Fenster' jeweils in einem Doppelheft im unhandlichen DIN A 4-Querformat. Diese wohl einmalige Zeitschriftensymbiose war man eingegangen, um das Verbreitungsgebiet zu vergrößern, aber auch, um durch den Kontakt mit den 'Fenster'-Herausgebern ein qualitativ besseres Heft machen zu können. Anfang 1980 allerdings hat sich diese Zusammenarbeit aufgelöst, die beiden letzten Nummern des Schreibheftes sind wieder als eigenständige Ausgaben erschienen.
"Zu große inhaltliche und thematische Unterschiede" nennt Norbert Wehr als Grund für die Trennung. Von der Literaturinitiative Aachen, die das 'Fenster' herausgibt, war leider niemand zu erreichen, der eine Stellungnahme hätte abgeben können.
Verkauft wird das Schreibheft hauptsächlich in nordrhein-westfälischen Buchhandlungen, die von den beiden Herausgebern ohne Umweg über einen Zeitschriften-Grossisten persönlich beliefert werden.
"Das kostet uns jedes Mal eine ganze Woche", sagt Germanistikstudent Wehr. "Das kann ich mir neben dem Studium gerade noch erlauben." 
Abonnementsstücke gehen per Post ins ganze Bundesgebiet, einige sogar ins Ausland. Auch wenn keine genaue Leseranalyse vorliegt, kann man sagen, dass Käufer und Leser auf jeden Fall an Literatur interessiert sind und zu einem großen Teil auch selbst schreiben. Dementsprechend groß ist deshalb auch die Resonanz auf die Hefte.
Ulrich Homann zeigt einen zwanzig Zentimeter hohen Papierstapel: Manuskripte, die ihnen für die beiden letzten Nummern zur Veröffentlichung angeboten wurden. Das Spektrum reicht, von Bukowski-Imitation über Texte, die besser in den Unterhaltungsteil der Tageszeitung passen würden, bis hin zu Arbeiten, die neu, interessant und diskussionswürdig sind. Lyrik erfreut sich dabei bei den Autoren großer Beliebtheit.

"Möglich, dass jeder- einmal mit der kurzen Form anfängt", versucht Norbert Wehr das große Gedichtangebot zu erklären. "Aber viele Autoren sind auch berufstätig und können sich in ihrer knappen freien Zeit deshalb nur mit dieser Form beschäftigen. " Nur circa 40 Texte können schließlich in jedem der drei bis vier Schreibhefte, die, pro Jahr erscheinen, veröffentlicht werden. Über das, was erscheint, entscheiden die Herausgeber nach subjektiven Kriterien - ein Weg, der genauso gangbar ist wie jeder andere, denn wer kann schon von sich behaupten, die Unterschiede zwischen 'guter' und 'schlechter' Literatur zu kennen?
"So sehr uns diese Methode auch bekümmert", meint Norbert Wehr, "das Problem ist nicht anders zu lösen." "Die Autoren unterstellen uns oft, dass wir bestimmen könnten, was gute Literatur ist", erläutert Ulrich Homann. "Wir haben zwar eine Vorstellung davon, aber die kann man nicht als allgemeingültig hinstellen." 

Bei aller Anfechtbarkeit der Auswahlmethoden - die Herausgeber der kleinen Literaturmagazine leisten damit Basisarbeit. Wer zwei Prosasätze mit einem Zeilenbruch versieh t, ist noch lange kein Lyriker, und vier Fäkalwörter pro halbe Seite machen noch keine Gegenwartsprosa.
Wenn Ulrich Homann und Norbert Wehr ihre Auswahl treffen, wissen sie, was sie tun, denn sie sind beide selbst Autoren.
"Allerdings", räumt Homann ein, "komme ich wegen der Arbeit am Heft manchmal kaum noch zum Schreiben. Aber in gewisser Weise ist ja auch das Heft eine kreative Leistung." Programmatisch heißt es in einer Selbstdarstellung: "Schreibheft versteht sich als Forum für eine neue, kritische Literatur. Die bekannten Autoren sind ihm bekannt genug, die neuen neu und unbekannt; unbekannt heißt nicht schlecht, im Gegenteil, heißt oft: für den Markt-Massenkonsum nicht geeignet." Geld und Ruhm können diese jungen und unbekannten Autoren mit einer Veröffentlichung im Schreibheft sicherlich nicht gewinnen. "Die Mitarbeit ist honorarfrei", heißt es im Impressum.
Und die etablierte Literaturkritik ignoriert ebenso wie die Literaturwissenschaft in der Regel die Tatsache, dass die kleinen Magazine mit ihren Veröffentlichungen eine Chronik zeitgenössischer Literaturbewegung schreiben.
Um aus diesem Schattendasein herauszukommen, haben im vergangenen Jahr ungefähr 25 Herausgeber in Marbach die 'Interessengemeinschaft Literaturzeitschriften' gegründet.
Durch Koordination und Kontakte, durch die Beschaffung finanzieller Unterstützung, will die IGLZ die kleinen Zeitschriften bei der Wahrnehmung einer ihrer' wichtigsten Funktionen unterstützen: literarische Entwicklungen vorzubereiten, indem ungewöhnliche oder neuartige Arbeiten gedruckt werden, die sonst nirgends eine Chance hätten.
Die Schreibheft-Herausgeber betrachten eine solche Aufgabe zwar als sehr wünschenswert, aber auch als äußerst schwer zu realisieren.
Ein erster Schritt dazu könnte die Buchproduktion des Verlages Homann & Wehr sein. Vier Bände von Autoren, "die wir für besser halten, als dass sie nur mit ein bis zwei Beiträgen im Heft veröffentlicht werden sollten", sind bereits erschienen.
Der fünfte Band- 'Nachgedichte' von Ulrich Horstmann, erscheint in diesen Tagen. Ein Konzept für die Verlagsarbeit freilich, das geben Ulrich Homann und Norbert Wehr zu, muss erst noch gefunden werden.
Mit Auflagen um 500 Exemplare kann man sicher den Literaturbetrieb nicht aus den Angeln heben, aber ein Mückenstich hat schon manchmal dazu geführt. dass ein Elefant (sprich Großverlag) ein Jucken verspürt hat. R. Jahn


Reinhard Jahn:
In den Wind geschrieben - Schreibheft - ein Essener Literaturmagazin
in: MARABO, Bochum, Heft 9(September)/1980