6.1.14

MARABO 4/1981
Einlassungen eines Lokalreporters
Porträt Werner Streletz

Einlassungen eines Lokalreporters
In Bottrop ist er geboren und in Marl arbeitet er als Journalist.
Das Ruhrgebiet hat ihn aber auch als Schriftsteller nie ganz losgelassen: Werner Streletz
Ein Portrait von Reinhard Jahn

Wenn Journalisten Journalisten interviewen, dann haben sie nichts besseres zu tun. Und wenn Schriftsteller mit Schriftstellern sprechen, kann man nachher allerhand Smalltalk und wenig über das Wesen der Literatur lesen. Also versuchen wir's mal über Kreuz: der Journalist Jahn spricht mit dem Schriftsteller Streletz.
Wir sitzen an einem kalten Februarvormittag in einer Essener Innenstadtkneipe. Draußen ist Freitag der Dreizehnte. Drinnen an der Theke Männer, die ihr Bier trinken und sich in mittlerer Lautstärke unterhalten. Der Rotamint klimpert im Hintergrund diskret seine Spiele herunter.
Werner Streletz, in der Szene zumeist etwas vorschnell als 'Kneipenliterat' apostrophiert, sieht aus wie ein Lokaljournalist: Cordhose, graue Cordjacke, ein Anfangsdreißiger mit schwarzem Bart- und Haupthaar, einer unaufdringlichen Stimme und verhaltener Gestik.

Er ist übers Wochenende nach Essen gekommen, um Bekannte zu besuchen.
"Geboren 1940 in Bottrop, arbeitet als Redakteur einer großen Ruhrgebietszeitung in Marl." Darauf beschränkt sich sein selbstgeschriebener Lebenslauf, mit dem er sich in der WDR-Hörspielbroschüre als Autor des Stückes "Szeen mit eim, der nix sacht" vorstellt.
"Zum Journalismus bin ich eigentlich über die Literatur gekommen", sagt er.
"Ich sollte eigentlich Inscheniör werden und habe dann auch eine Zeitlang in einem Zeichenbüro gearbeitet. Nebenbei habe ich halt geschrieben, literarische Sachen. Die Zeichnerei ist mir dann immer mehr auf die Nerven gegangen und dann sagte meine damalige Frau 'Schick doch einfach mal was an die WAZ, vielleicht kommst du da an!' Und originellerweise bin ich auch sofort angekommen. Ich hatte ein Gespräch in Essen und habe dann ein Volontariat gekriegt. "
Das war damals, als der Journalistenberuf noch nicht so überlaufen war. Heute arbeitet er als Lokalredakteur für Kulturelles in Marl, die große Ruhrgebietszeitung hat ihn nach einem kurzen Abstecher zur 'Kölnischen Rundschau' wieder unter ihre Fittiche genommen. Er fühlt sich wohl in seinem Job, weil die Redaktion gut ausgestattet ist und er über Dinge berichten kann, die er überblickt und durchschaut.
Überschaubar ist auch sein literarisches Werk: drei schmale Bändchen im Verlag des Literarischen Informationszentrums in Bottrop, drei Hörspiele beim WDR. Es sind nachdenklich angelegte Lyrik- und Prosatexte, beinahe introvertiert zu nennende Lebens- und Erlebensbeschreibungen, in deren Mittelpunkt die Menschen aus dem Ruhrgebiet stehen.
"Ich bin eigentlich mehr ein Erzähler!", sagt Streletz über Streletz. "Eigentlich wäre das richtige Medium für mich die Prosa."
Dem journalistischen Schreiben für den Tag setzt er die literarische Betätigung entgegen. Und weil beides sich gegenseitig bedingt, will und kann er weder das eine noch das andere lassen.
"Wenn ich ganz pragmatisch etwas verändern will, dann will ich das über den Journalismus machen und nicht über die Literatur", erklärt er zum Unterschied der beiden Schreib-Weisen.
"Verändern heißt hier im platten und klaren Sinn, dass sich sofort etwas ändert, also dass Jugendliche zum Beispiel ein Jugendzentrum bekommen. Die literarischen Texte sind mehr aus Veränderungen im Bewusstsein ausgerichtet, Sensibilisierung möglicherweise, des Denkens und Fühlens. Und durch den Journalismus bleibt man doch sehr stark bei den Leuten und gerät nicht in die Gefahr, in ein Wolkenkuckucksheim zu geraten oder irgendetwas esoterisches zu verzapfen. Ich glaube zwar nicht, dass die Gefahr bei mir besteht, dass ich im Esoterischen lande. Bei mir würde eher die Gefahr bestehen, dass mir nichts mehr einfällt, wenn ich den Kontakt zu den Leuten verliere. "
Die Leute, das sind Menschen im Kohlenpott, zwischen Gelsenkirchen und Bottrop, Essen und Dortmund. Die Leute, deren Sprache "eigentlich zu schade für Witzchen wie etwa 'Kumpel Anton' ist". Streletz hegt eine nicht zu verkennende Sympathie für die zufriedenen, politisch wachen Ruhrbürger, die geradeheraus sagen, was sie denken und einem vielleicht auch mal etwas vorschnell eins auf die Nase geben. Besser als die verschlagenen Rheinländer mit ihrem Karnevalstick gefallen sie ihm allemal.
Zur Zeit arbeitet er an einem längeren Prosawerk das - natürlich- auch etwas mit dem Ruhrgebiet zu tun hat. Aber bis zur Veröffentlichung "wird es wohl noch ein paar Jährchen dauern." Denn er ist kein schneller Schreiber, er drängt nicht an die Öffentlichkeit.

"Ich schreibe zwar schon seit mehr als zehn Jahren, aber viel ist bisher noch nicht Veröffentlichungswertem zusammengekommen!" sagt ist er. "Das lag aber auch daran, dass ich zeitweise privat ein bisschen durcheinander gelebt habe und nichts geschrieben habe."
Veröffentlichungswert waren bisher "Ausgeträumt". "Der ewige Säufer" und "Das Erwachen eines Elvis-Fans" Szenen aus dem Ruhrgebiet aus den Kneipen, den Siedungen, aus den Cliquen der jungen Leute.
Beschreibungen, kurze lakonische Protokolle und lyrische Betrachtungen über Ereignisse, die Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre passiert sind oder so hätten passieren können. Geschichten von Jungs, die zur Schule gehen, die eine Band gründen, oder die verwirrt vom ersten Vorstoß der Pubertät die Welt zwischen Rock'n 'Roll-Kirmes lind Elvis-Postern auf einmal ganz .anders erleben.
"Für mich ist das in erster Linie Aufarbeitung meiner Vergangenheit", sagt er über das Schreiben an sich. "Allerdings sollte man das nicht verwechseln mit Autobiographie. Es sind alles Dinge, die bisher passiert sind – nur durch das Schreiben ordne ich sie für mich ein. Meist ist der reale Hintergrund der Ansatz und je weiter ich schreibe, desto mehr entferne ich mich von diesem Ausgangspunkt und je mehr ich schreibe, desto mehr kläre ich auch diese Sache für mich. Das ist es im Grunde, was mir die Schreiberei gibt."

Was die Schreiberei allerdings über das bloße Tagebuch hinaushebt, ist seine Fähigkeit, persönliches Erleben und eigene Erfahrungen so zu verdichten, dass das Allgemeingültige seiner Generation sich herauskristallisiert.
Das Reden über das Schreiben ist nicht so sehr seine Sache; Werner Streletz gehört zu den intuitiven Schreibern, denen ein hundert Worte langer Text mehr liegt als tausend Gedanken darüber. An mehreren Stellen unseres Gespräches antwortet er nachdenklich, klopft die Fragen zunächst ab und fasst seine Formulierungen mehrere Male genauer.
Knapp eineinhalb Stunden haben wir uns in der Kneipe unterhalten. Während wir noch ein paar Fotos an der Theke machen, kommt Werner Streletz auch prompt mit den Männern dort ins Gespräch. Offen, geradeheraus und unkompliziert. So ist das hier eben mal, im Ruhrgebiet.

Werner Streletz: Der ewige Säufer, Gedichte/ Ausgeträumt, Lyrik und Prosa (1977)/ Das erste Erwachen eines Elvis-Fans, Erzählung (1979) Alle zu erhalten beim Literarischen Informationszentrum Bottrop, Böckenhoffstr. 7 Hörspiele:
Alles was du bist ist Liebe (WDR) Der Pokal des Marquis (WDR) Szeen mit eim, der nix sacht (WDR)

Reinhard Jahn: Einlassungen eines Lokalreporters
Portrait Werner Streletz
Erschienen in: MARABO, Heft 4(April)/1981