13.2.14

Marabo 1982
Der Stoff ist in mir selbst
Portrait Thomas Rother


Der Stoff ist in mir selbst
Noch bevor Siegfried Lenz in 'Der Verlust' das Thema behandelte, beschrieb der Essener Thomas Rother, wie ein Mensch reagiert, wenn er plötzlich seine Sprache verliert: er zieht Bilanz.
Ein Portrait von Petra Herbst und Reinhard Jahn

Vierzig Jahre alt war er, als es passierte: Er, der Journalist und Schriftsteller, für den der Umgang mit dem Wort zum täglichen Brot gehörte, verliert durch einen Schlaganfall die Fähigkeit zu sprechen und zu schreiben. 'Aphasie', nennen es die Ärzte, die Unfähigkeit, Worte und Bezeichnungen für die Dinge der Welt zu finden oder sie zu artikulieren. Eine neurologische Störung, hervorgerufen durch die unzureichende Durchblutung des Sprachzentrums im Gehirn.
Was wie eine belehrende Fabel klingt, ist die Wirklichkeit, die Thomas Rother, Redakteur bei einer Essener Zeitung, erleben musste.
Aber dann passiert noch etwas Ungewöhnliches: Nachdem Rother durch das harte Training seiner Sprachtherapeutin genesen ist, nachdem die Gehirntomographie zeigt, dass die Mangeldurchblutung bis auf einen kleinen Rest wieder behoben ist, veröffentlicht er ein Buch, dessen Hauptfigur ein ähnliches Schicksal erlebt wie sein Autor.

"Das plötzliche Verstummen des Wilhelm W." ist aber trotzdem kein autobiographischer Rekonvaleszenz-Roman, auch wenn Parallelen zwischen dem Schicksal des Thomas Rother und dem Unglück seines Protagonisten Wilhelm Wotschke sich aufdrängen. "Das plötzliche Verstummen..." ist das Zeugnis einer ungewöhnlichen Krankheitsbewältigung: Wilhelm Wotschke, Lokaljournalist, nicht besonders glücklich verheiratet, erwacht eines Morgens und kann nicht mehr sprechen. Auch alle Versuche, sich schriftlich mitzuteilen, schlagen fehl; ihm fehlen einfach die Worte.
Schlaganfall, stellt man in der Klinik fest. Vierzig Jahre ist Wilhelm W. alt - viel zu jung für eine solche Krankheit. Ans Bett gefesselt, unfähig, mit anderen Patienten zu reden, sich auszudrücken, wird sich Wilhelm W. langsam ,der Ursachen seiner Krankheit bewusst. Es sind Ursachen, die in einer bisherigen Lebens- und Arbeitseinstellung zu suchen sind. In der Jagd nach Anerkennung und Pflichterfüllung, im Stress des Reportergeschäftes.
Er forscht nach, kramt in den Erinnerungen, entdeckt schließlich ein altes Gedicht, in dem er, unbewusst noch, die Ursachen umrissen hat:

Du musst vorwärts kommen 
Du musst vorankommen 
Du musst hochkommen 
Du musst nach oben kommen 
Du musst es zu etwas bringen 
Du darfst nicht hinterherhinken 
Du musst am Ball bleiben 
Du musst am Mann bleiben 
Du musst immer obenauf sein 
Du musst dich nicht unterkriegen lassen 
Du musst vorne liegen  
Du darfst nicht absteigen 
Du musst dich beugen 
Du musst dich bücken 
Du musst dich ducken 
Du musst kriechen  
Du musst fit sein 
Du darfst keine Schwäche zeigen 
Du darfst nicht abseits stehen 

"Schreiben hängt ja immer mit Nachdenken zusammen!", sagt Thomas Rother zur Entstehungsgeschichte des Buches. "Und ich dachte über mich selbst nach und erkannte: Du hast ja den Stoff in dir selbst. Der Schriftsteller hat immer seinen Stoff in 'sich selbst. So ergab sich das naheliegende Thema: Thomas Rother selbst."
Dass es trotzdem kein Krankenbuch geworden ist, keine Rezeptur für Schlaganfallpatienten, liegt daran, dass Rother sich auch und vor allem mit der Sprache an sich beschäftigt.
Anstoß dazu war vielleicht die Sprach- und Schreibtherapie, in deren Verlauf er unter anderem die Aufgabe gestellt bekommt, möglichst viele Begriffe für 'Sprechen' zu finden. Über 700 Wörter trägt er zusammen, das sind mehr als jedes deutschsprachige Wörterbuch liefert. Aber das ist auch der Beweis für die Vielgestaltigkeit, mit der ein Mensch seine Umwelt, seine Realität strukturieren kann.
Denn Sprache hat die Aufgabe, Realität zu reflektieren. Und seinen persönlichen Stil, diese Realität widerzuspiegeln, erklärt Thomas Rother so: "Ich versuche, einfach zu schreiben, ich versuche, banal zu schreiben. Aber ich versuche, nicht schlecht zu schreiben." Das ist der Stil seines Buches: klare, aussage kräftige Sätze, ohne poetische Ausschweifung, ohne 'Wortgeklingel', mit dem man mehr verschleiern als deutlich machen kann.

Aber wie verhält sich diese Art. zu schreiben zum Stil des Tagesjournalismus, mit dem Thomas Rother mittlerweile wieder sein Brot verdient?
"Es ist ein Konflikt!", gibt er zu. "Der Tagesjournalismus ist - der Tod der Schriftstellerei.
Denn zum Schreiben braucht man Distanz, und die hat man als Tagesjournalist nicht. Deshalb scheue ich mich auch davor, Kommentare zu schreiben."
Aber weil Thomas Rother auch ein Mensch mit Prinzipien ist und beide Arten des Schreibens auch ihre Gemeinsamkeiten haben, liegt die Lösung des angesprochenen Konflikts in dem Grundsatz, den er sich für seine Arbeit gestellt hat: "Es ist der Grundsatz der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Das gilt für den Journalismus wie auch für die Schriftstellerei. Man muss ehrlich sein, bei dem, was man schreibt, und das ist beim fiktiven Schreiben oft schwerer als im Journalismus. Wenn ich sehe, dass ich etwas nicht so schreiben kann, wie ich es möchte, weil mir die Worte dazu fehlen, dann lasse ich es lieber ganz sein." Das spiegelt nicht nur eine Einstellung zum Schreiben wider, sondern auch eine Art zu leben, anders zu leben, als es die Axiome der Leistungsgesellschaft vorschreiben: nicht dem Fetisch 'Leistung' und 'Erfolg' zu huldigen, sondern eine persönlich befriedigende Arbeit verrichten. Das tun, was man will, nicht das, was man soll - was aber nicht aussschließt, dass beide Aspekte.
recht oft zusammentreffen.

Thomas Rother:
Das plötzliche Verstummen des Wilhelm W.
202 Seiten, Scherz Verlag, München.

Kasten: Zur Person
Thomas Rother, geboren 1937 in Frankfurt/Oder, wechselte nach dem Abitur von der DDR in die Bundesrepublik. Nach verschiedenen Hilfsarbeiten und einer Maurerlehre samt Gesellenprüfung begann er, in 'Münster Publizistik und Germanistik .zu studieren. Früh trat er mit Veröffentlichungen in Zeitungen hervor: Gedichte und Erzählungen. Seit Anfang der 60er Jahre arbeitet er als Redakteur in Essen, daneben ist er als Schriftsteller tätig und beschäftigt sich intensiv mit der Bildhauerei.

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Reinhard Jahn und Petra Herbst
Der Stoff ist in mir selbst - Portrait Thomas Rother
Marabo, Bochum, Heft ?/1982