8.8.07

Birkefeld & Hachmeister:Deutsche Meisterschaft

Ich will ehrlich sein: Nein, der Roman ist bei mir nicht auf der Pole-Position gestartet. Erstens habe ich keinen Führerschein, und zweitens leuchten mir Männer, die auf Motorrädern im Kreis herumfahren, ebensowenig ein wie Erwachsene, die einem Ball hinterherlaufen. Und dann spielt DEUTSCHE MEISTERSCHAFT – nomen est omen! – auch noch im Jahre 1926. Also nicht nur ein Sportroman, sondern auch noch ein historischer Krimi? Ne, lieber nicht.
Wären da nicht die beiden Autoren gewesen, Birkefeld und Hachmeister, dann wäre das Buch auf dem Stapel mit Krimis gelandet, die irgendwann ungelesen in die Regale des Krimi-Archivs wandern. Denn Birkefeld und Hachmeister hatten vor vier Jahren mit ihrem Debüt WER ÜBRIG BLEIBT HAT RECHT nicht nur mich, sondern auch die Jury des Deutschen Krimi Preises nachhaltig beeindruckt, mit einer Kriminalgeschichte, angesiedelt 1944, in den letzten Tagen des Bombenkrieges in Berlin.

Knapp zwanzig Jahre vorher spielt jetzt also DEUTSCHE MEISTERSCHAFT, in München und Berlin und auf den Rennstrecken von Hannover, Karlsruhe, Stuttgart. Das Schlussrennen, die Märkische Herbstfahrt, wird in Werneuchen bei Berlin ausgetragen. Noch nie gehört? Ab jetzt kennt man das Kaff.

Es geht um zwei Fahrer, die gegensätzlicher nicht sein könnten - Falk von Dronte auf seiner VICTORIA, ein junger, national gesinnter Adeliger aus Pommern, der in die Aufstände und Putschversuche geraten ist, mit denen die Nationalen nach Kriegsende gegen den Versailler Vertrag kämpften, und gegen jene, die ihn unterzeichnet hatten, die von ihnen so genannten Novemberverbrecher.
Falks gefährlichster Gegner der Deutschen Meisterschaft im Motorradrennen 1926 ist Arno "Karacho" Lamprecht, Veteran des ersten Weltkriegs, der bei dem zwielichtigen Eckhard Bammel und seinem SAROLEA-Rennstall untergekommen ist, ohne zu wissen, dass Bammel in den Wirren des Nachkriegsjahres 1923 mit seiner Firma FAHR UND KIPP genau für dieselbe vaterländisch-kriminelle Vereinigung schmutzige Fahraufträge erledigt hat, für die Falk von Dronte seinerzeit einen vermeintlichen Verräter brutal exekutiert und am Stadtrand von München verscharrt hat.

Worauf hatte er sich damals nur eingelassen? Damals - als jedes zweite Wort Verrat war! Verrat am Vaterland, Verrat am Volke, Verrat an der nationalen Sache, Waffenverrat, Kameradenverrat, Hochverrat, überall lauerte Verrat, und man lebte in einer verratenen Welt unter den Knebelungen des Schandvertrages, unterschrieben von den elendsten aller Verräter, den Novemberverbrechern. Wer diese Verräter oder ihre Sympathisanten erschoss, handelte in Volksnotwehr, im Namen der aufrechten Feme. Damals hatte sogar die Justiz dafür Verständnis. Aber heute? Konnte man immer noch automatisch mit Milde und Freispruch rechnen?

Jetzt, drei Jahre nach dem Mord, ist die Leiche des Verräters gefunden worden - ohne Kopf. Damit wird Falk von Dronte klar, dass es in der Gruppe von damals einen Erpresser gibt, der sie nun mit dem Mord unter Druck setzen kann. Oder hat möglicherweise ein anderer, ein Serienmörder, etwas mit der Sache zu tun, dessen Opfer - männlich, jung - immer nach einem Rennen zur Deutschen Meisterschaft am Rand der Strecke gefunden werden - ohne Kopf? Ist gar Arno Karacho Lamprecht in die Sache verwickelt - der damals in München unter dem Verdacht stand, seine Verlobte Vera enthauptet zu haben?

Politik, Motorradsport und Mord vor dem Hintergrund deutscher Geschichte, das ist das Konzept der beiden studierten Historiker Richard Birkefeld und Göran Hachmeister. Die beiden erzählen ihre Geschichte mit Liebe zum Detail, ohne dabei detailverliebt zu werden und ihre Figuren aus dem Blick zu verlieren:
# Falk von Dronte, das ein bisschen zu naive Milchgesicht, das den Einflüsterungen der nationalen Scharfmacher erlegen ist;
# Arno Lamprecht, der halt- und heimatlose Kriegsveteran, der keine Ahnung hat, was der Chef seines Rennstalles noch so treibt,
und zwischen beiden Männern die kapriziöse Thea von Bock, Society-Girl und - heute würde man sagen: Boxenluder im Rennsportgeschäft. Eine Frau, die seidene Dessous trägt und Matrosenanzüge, und die sich den Teufel um die Politik schert, solange sie genug Kokain und Champagner hat, um das Leben zu genießen.

"Fahren Sie denn auch Motorrad, Thea?"
"Rasend gern", sie lächelte leicht, "Aber es ist nicht nur das Fahren, das reine Fortbewegen von A nach B, das mich so fasziniert."
"Sondern?" Er wollte schnell wieder in ruhigere Gewässer.
"Es ist das Hingeben, Arno", ihr Kopf neigte sich leicht zur Seite, und ihre Augen schienen sich zu verklären, "verstehen Sie, dieses Sichverlierenkönnen in der Geschwindigkeit einerseits und andererseits dieses Wache, dieses Angespannte, das einen diese raffinierte Technik beherrschen lässt!".

Genauso bin auch ich als sport-hassender Krimi-Archivar von diesem Buch verführt worden - man kann sich regelrecht fallen lassen in die erhitzte Atmosphäre von Motorradrennzirkus und Weimarer Republik – und in die solide gebaute Kriminalstory. Hier fügen sich Politik, Geschichte, Motorradrennen und Mord zu einem spannenden historischen Krimi, der – eine reife Leistung! - sozusagen aus der zweiten Reihe heraus einen überlegenen Sieg herausfährt.
Autor: Reinhard Jahn

Birkefeld & Hachmeister:
Deutsche Meisterschaft
Eichborn Verlag

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