2.11.06

Das Zentrum des Bösen

Kriminalromane aus dem Ruhrgebiet: Spannung mit Heimatgefühl

Das Zentrum des Bösen liegt zwischen Dortmund und Duisburg, irgendwo zwischen stillgelegten Industriegeländen und hypermodernen Einkaufsmalls: da gibt es Mord und Totschlag in Büroe-tagen und im Schatten alter Zechengebäude, da werden Drogen oder auch Organe gehandelt, verschwinden Menschen und tauchen erst als Leiche wieder auf.

Trotzdem besteht kein Grund zur Sorge - denn immer gibt es einen Kommissar mit der richtigen Spürnase, einen vielleicht etwas heruntergekommenen, aber cleveren Privatschnüffler oder einen aufgeweckten Journalisten mit dem richtigen Durchblick, der den Kriminalfall löst. Die Rede ist vom Revierkrimi, der sich inzwischen schon längst bundesweiter Beliebtheit er-freut. Es soll sogar schon vorgekommen sein, dass man in Essen oder Mülheim eifrige Leser mit einem Krimi als Reiseführer in der Hand auf Sightseeing-Tour zu den literarischen Tat-orten gesehen hat.

Der Krimi-Leser verlangt eben nach präziser Information und genauer Milieuschilderung und das ganz besonders, wenn die Mordgeschichte direkt vor seiner Haustür spielt. Da wird auch schon einmal der Leser selbst zum Detektiv, und er fährt hinaus, um nachzusehen, ob die Straße, von der er so-eben etwas gelesen hat, tat-sächlich eine Einbahnstraße ist. Die eigene Heimat als li-terarischer Schauplatz, überall identifizierbar im alltäglichen Detail - angefangen von der Idylle des Baldeneysees bis hin zum obligatorischen 16-Uhr Stau auf der A-40. So kann aber auch der Besucher durchaus statt ei-nes Reiseführers oder einer Straßenkarte ein paar Revier-krimis aus Leitfadne zur Erkun-dung des Ruhrgebiets benutzen.

Die Spur des Verbrechens, die sich entlang der A 40 durchs Revier zieht, ist spätestens seit dem großen CRIMINALE 2000-Festival (Mai/Juni 2000) in Essen vom Geheimtipp zum Publikumsmagneten geworden. Von den rund 200 deutschen Krimis, die alljährlich erscheinen, stammen knapp 10 Prozent aus dem Ruhrgebiet - deutliches Indiz dafür, dass es in diesem Genre ganz eindeutig keinen Trend zur "Hauptstadtliteratur" gibt, sondern ein klares Bekenntnis zur Region. Mit der Frage, warum das so ist, befassen sich inzwischen sogar schon literaturwissenschaftliche Seminare in den den USA und England - der Heimat des Krimis.

Dabei ist es gar nicht so verwunderlich, dass der deut-sche Krimi nach seiner sozialkritischen, vom Gedankengut der Studentenbewegung geprägten Phase seine neue Heimat in der ehemaligen Stahl- und Kohleregion gefunden hat. Denn wo al-les im Wandel ist, sind die flott geschriebenen, aktuellen und realistischen Mordgeschich-ten genau am richtigen Platz.

Der Krimi also als eine neue Art von Heimatroman des Reviers. Nach Bergarbeiterdichtung und Reportageliteratur hat das Ruhrgebiet mit "seinem" Krimi wieder eine literarische Stimme gefunden: frech und detailfreudig, mit wachem Blick sowohl auf die positiven Seiten des Strukturwandels als auch auf die Grauzonen, die sich bei jeder sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung einer solchen Größenordnung auftun. Das kann natürlich nur von Autoren erzählt werden, die direkt vor Ort leben - und davon gibt es im Ruhrgebiet eine Menge.
Es war Liebe auf den er-sten Blick, mit der die Gattung und die Region vor jetzt etwas mehr als 15 Jahren schlagartig zusammengefunden haben. Der Krimi hatte sich längst vom betulich-britischen Landhaus-Mystery zum harten US-Gegenwartsroman entwickelt, seinen analytischen Blick mit dem schwedischen und dem deut-schen Soziokrimi geschärft. Langweilige Fernsehkrimis mit biederen Kommissaren gab es mehr als genug - was schmerz-lich vermisst wurde, waren neue, spannende Geschichten.

Nur ein Zufall, dass sei-nerzeit auch gerade das Schlagwort vom "Medienstandort NRW" die Runde machte? Sicher nicht. Denn nirgendwo zeigt sich das neue Gesicht des Landes deutli-cher als in den zahlreichen neuen Heldenfiguren des Revierkrimis: es sind zum großen Teil Medienmenschen wie die gleichermaßen fixe wie taffe Reporterin Maria Grappa in der er-folgreichen Krimiserie der Dortmunder Journalistsin Gabri-ella Wollenhaupt, es sind Fern-sehleute wie das "Pegasus"-Reporterteam aus Dortmund in den Romanen von Leo P. Ard und Reinhard Junge, oder es sind die sympathisch-coolen Nachrichtenhändler des Boulevard-fernsehens wie der heruntergekommene Videogeier "Gonzo" Gon-schorek, den das Essener Autorenteam Karr & Wehner ins Ren-nen schickt.

Und noch eine andere Spielart des Krimis ist im Revier heimisch geworden: die Privatdetektivgeschichte, von der es lange hieß, dass sie sich nie im deutschen Sprachraum würde etablieren können. Sicher ist Mülheim an der Ruhr nicht Los Angeles, und der Privatschnüffler Kristof von Jörg Juretzka kein Philip Marlowe - aber in Sprache und Wortwitz muss Juretzka den Vergleich mit Chandler nicht scheuen. Etwas leichter im Ton dagegen die Romanserie "Steeler Straße" des gebürtigen Esseners Conny Lens. Sein Detektiv Wolli Schröder erweist sich in mittlerweile sieben Bänden als ruhrgebiets-typisches Stehauf-männchen, dessen bodenständiger Optimusmus weder von kompli-zierten Mordfällen noch von seinem ständigen Bezie-hungstress getrübt werden kann.

Als neue Heimatliteratur des Ruhrgebiets findet der Re-vier-Krimi dabei seinen Platz in der deutschen Gegenwartsliteratur. Die Literaturwissenschaftler Erhard Schütz und Jochen Vogt haben im Revierkrimi den gleichen "regionalistischen Grundzug" aufgespürt, der die gesamte westdeutsche Nachkriegslitartaur von Böll bis Walser geprägt hat. Und sie meinen: "Da könnte der Ruhrge-bietskriminalroman also an eine breite und respektable Traditi-on anschließen", denn das das Ruhrgebiet sei als gegenwärtige Großstadtregion mit provinziel-lem Durchschuß krimifähig ge-worden.
Krimifähig gemacht wurde die Region dabei von einem kleinen Dortmund Verlag, der sich mit seinen schlicht-schwarzen Taschenbüchern inzwi-schen zum soliden Mittelstands-Unternehmen entwickelt hat, während die gesamtdeutsche Ver-lagsszene rund um ihn herum von Krisen und Konzentrationswellen geprägt war. Mit jährlich fast zwei Dutzend neuen Titeln deut-scher Autoren hat das "Grafit"-Team in Dortmund mittlerweile gute Chancen, genau das zu er-reichen, was man 1999 auf der Feier zum zehnjährigen Verlags-jubiläum selbstbewusst verkün-dete: Dass man bald der Markt-führer im Bereich des deutschen Krimis sein werde.
Bis dahin gibt es noch ei-ne Menge Fälle für Krimi-Autoren aus dem Revier zu lösen - und zwar auf ihre eigene, ganz spezielle Art. "Ein Toter in der Zechenhaussiedlung macht noch lange keinen Revierkrimi!" hat einmal einer von ihnen er-klärt. Es ist vielmehr der ganz besondere, liebevolle-kritische Blick auf die Region und ihre Menschen, der die Revierge-schichten so erfolgreich macht.
Reinhard Jahn

Revierkrimi: Der Klassiker
Jürgen Lodemann: Anita Drö-gemöller und Die Ruhe an der Ruhr (1975)

Revierkrimi moderne Klassiker
Jörg Juretzka: Prickel (1999) Sense (2000) Schauplatz: Mülheim, Essen

Karr & Wehner: Die Gonzo-Krimis (Kassette mit vier Romanen: Geierfrühling, Rattensommer, Hühnerherbst, Bullenwinter) (2000) Schauplatz: Essen

Garbiella Wollenhaupt: Zu bunt für Grappa (1999) , Grappa und das große Rennen (2000) Schau-platz: Dortmund

Jan Zweyer: Alte Genossen (1999), Siebte Sohle, quer-schlag West (1999) Schauplatz: Herne

Conny Lens: Steeler Straße - Drecksgeschäfte (2000) Schau-platz: Essen

Weitere Informationsquellen:

Erhard Schütz und Jochen Vogt (Hrsgb) Schimanski & Co - Krimiszene Ruhrgebiet (Texte und Materialien) Herausgegeben vom Kommunalverband Ruhrgebiet, Essen 1996

Links:
LEXIKON DER DEUTSCHEN KRIMI-AUTOREN:
Grafit-Verlag

Der Autor:
Reinhard Jahn, M.A., lebt und arbeitet als Journalist und Autor seit 1960 in Essen. Als Mitbegründer des "Bochumer Krimi Archivs" hat er eine der umfangreichsten Sammlungen deutscher Krimis.

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