20.10.13

Rheinischer Merkur 11.Mai 1985
Thriller mit Tiefgang


Jahr für Jahr schreibt Peter Schmidt einen Krimi

"Unsinn!" sagt er, wenn man ihn fragt, ob er denn Geheimdiensterfahrung habe wie sein Kollege John le Carre oder gar Einblick in das Innenleben der linken Terrorszene. "Man muss doch auch nicht Schrebergärtner sein, um über Schrebergärten zu schreiben... Über Milieu und Schauplätze eines Romans informiere ich mich so weit und so tief, wie es mir als einzelner Person mit mittleren Verbindungen möglich ist."


Also sind es nur Phantasieprodukte, die Peter Schmidt, Jahrgang 1944, in seiner kleinen Dachwohnung in seinen hochmodernen Textcomputer tippt? Angefangen mit "Mehnerts Fall", der Geschichte eines DDR-Agenten, der den Vorsitzenden der Regierungspartei dieses Landes durch eine er schlüpfrige Affäre stürzen soll, bis hin zum "Fall von großer Redlichkeit", der die deutsch-deutschen Irrfahrten eines Wissenschaftlers beschreibt.


Die bescheidene Schriftstelleridylle des Peter Schmidt, das verschlafene Gelsenkirchener Angestellten- und Arbeiterviertel, in dem er lebt, stehen in auffälligem Widerspruch zu der Atmosphäre internationaler Geheimdienstintrigen und brutaler Gewaltaktionen in seinen Romanen. Gewiss, vordergründig schreibt Peter Schmidt, ehemals Werbefachmann in der Möbelbranche, reine Handlungsromane: Krimis und Thriller, die sich von den Verlagen leicht unter dem Motto "Entspannung durch Spannung" vermarkten lassen.

Doch unter der Oberfläche zeigt sich ein sorgfältig geknüpftes Netz von aktuellen Bezügen, behutsam extrapolierten politischen Entwicklungen und psychologischen Studien.


Ganz augenfällig ist diese Vielschichtigkeit in dem Roman "Augenschein", der Geschichte eines Verhörspezialisten aus dem deutschen Geheimdienst, der die politische Wirkung eines ausgewiesenen polnischen Dissidenten auf die deutsche Innenpolitik abschätzen soll. Das Psychodrama der beiden unterschiedlichen Charaktere, verdichtet auf lange Verhörsitzungen in einem Haus an der Berliner Mauer offenbart unter seiner Handlungsoberfläche eine, wie der Autor es selbst gerne nennt, "erkenntnistheoretische Dimension", ausgehend von der Frage, wie ein politischer Mord zustande kommen könnte.

Wie reagiert ein Mensch mit einer ganz bestimmten Persönlichkeitsstruktur im Spannungsfeld politischer und gesellschaftlicher Anforderungen und Zwänge? Auf diese Ausgangsposition lassen sich beinahe alle Romane des Thriller-Spezialisten zurückführen. Seine Protagonisten - gegen die Bezeichnung 'Helden' sperren sich die Hauptfiguren - geraten in einen Entscheidungskonflikt zwischen der Treue zu einer Sache und der zu sich selbst. Dass sie meist nur Schachfiguren in einem Spiel sind, dessen Regeln sie nicht durchschauen, wird ihnen erst klar, wenn sie ihre Entscheidung getroffen haben.


Sein Verständnis von Literatur hat Peter Schmidt an angelsächsischen Vorbildern geschult. Literatur soll, so sein Postulat, "so unterhaltend wie möglich sein". Deshalb auch benutzt er für seine Gedankenspiele das zwar von vielen Lesern geschätzte, aber von vielen Kritikern etwas herablassend betrachtete Genre des Agententhrillers und Kriminalromans. "Im Grunde genommen" hat er "den vermessenen Anspruch, zu sehen, ob man im Kriminalgenre nicht genauso gute Literatur produzieren kann wie in den anderen Bereichen der Belletristik".


Erst mit 33 Jahren, 1978 also, entdeckte Peter Schmidt seine Neigung zu dieser Art von Literatur und zum Schreiben. Also hängte er seinen Job in der Werbebranche an den Nagel, reduzierte seinen Lebensstandard und beschloss, jetzt "einfach einmal ein Jahr lang" das zu tun, was ihn interessiert. Über eine Sonderprüfung des Zweiten Bildungsweges holte er die Hochschulreife nach und schrieb sich als Student der Germanistik, der Philosophie und der Geschichte an der Bochumer Universität ein.

Damit begann eine jener "zweiten Karrieren", die aber hierzulande immer noch mit dem exotischen Ruch des "Aussteigers" behaftet sind. Der stille Pragmatismus, mit dem er sein neues Leben in Angriff nahm, hat jedoch nichts von "alternativem Leben" oder einer Abkehr von traditionellen Werten an sich.

 Neben dem Studium begann er zu schreiben, zunächst in der Gelsenkirchener Literaturwerkstatt. Dann veröffentlichte er einige Erzählungen und wissenschaftliche Aufsätze und debütierte 1981 schließlich mit "Mehnerts Fall".


Ein Jahr später folgte "Die Trophäe", wieder ein Jahr darauf "Augenschein" und ganz fix hinterher ein Ausflug ins Genre des parodistischen Privatdetektivromans: "Eiszeit für Maulhelden". 1984 dann beschloss er, seinem "Stammverlag" Ullstein den Rücken zu kehren und veröffentlicht seitdem bei Rowohlt. "Die Regeln der Gewalt" erschienen als erster Titel in Rowohlts Thriller-Schwarz, "Ein Fall von großer Redlichkeit" ist seit Januar auf dem Markt, "Erfindergeist" für Juni angezeigt.

Mit diesen sechs Titeln hat sich Schmidt nicht nur bei der Kritik, sondern auch bei der Leserschaft gut etabliert. Sie mag seine Unterhaltung mit Tiefgang, die das Vorbild großer Erzähler wie Graham Greene und John le Carré nicht verleugnet. Dem Vorwurf, dass er vielleicht etwas fix produziere, begegnet er mit einer klaren Rechnung. Als freier Schriftsteller, der sich nicht auf die regelmäßigen Lohn- oder Gehaltszahlungen eines Brotberufes verlassen erst kann, ist er auf die Einkünfte seines Schreibens angewiesen. Produktionsdruck empfindet er nicht. Entscheidend ist die Lust am Schreiben: "Eine sehr angenehme Unterhaltung, die interessanteste, die ich kenne!" -- Reinhard Jahn

Reinhard Jahn: Thriller mit Tiefgang
Erschienen in
Rheinischer Merkur/Christ und Welt
11. Mai 1985 (20/1985)



Erschienen in
Rheinischer Merkur/Christ und Welt
11. Mai 1985 (20/1985)