16.7.84

Medienreport - O wie Oberhausen

NORDDEUTSCHER RUNDFUNK              
Medienredaktion                             
Sendung 25.3.1984
NDR 3 15 Uhr
Prod Nr 043-321








MEDIENREPORT


O - wie Oberhausen – 30 Jahre Westdeutsche Kurzfilmtage

Eine Sendung von Reinhard Jahn



Redaktion: Michael Wolf Thomas  


©  beim Autor/NDR


Zur Verfügung gestellt vom NDR.
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Sach- und Faktenstand 1984


Sprecher 1
O - wie Oberhausen – 30 Jahre Westdeutsche Kurzfilmtage


Sprecher 2
Vom 25. bis zum 30. März (1984) finden in der nordwestlichen Ecke des Ruhrgebietes, in Oberhausen, die 30. Westdeutschen Kurzfilmtage statt. Im Mittelpunkt des internationalen Wettbewerbes um den "Großen Preis der Stadt Oberhausen” stehen diesmal Kurzfilme aus der Dritten Welt und der DDR. In Sonderveranstaltungen gibt es unter anderem eine Werkschau des Krakauer Animationsfilm-Studios "Studio Filmow Animowanych" und eine Dokumentation des tunesischen Regisseurs Férid Boughedir  zur Geschichte der afrikanischen Films. Das in den fünfziger Jahren - freilich unter anderen Vorzeichen – geprägte Festivalmotto 'Weg zum Nachbarn' soll sich auch diesmal wieder, wie es die offizielle Ankündigung formuliert, als Herausforderung erweisen, “die vorbehaltlose Begehung und den aufrichtigen Dialog zu suchen.“
Die gleiche Prozedur wie im vergangenen Jahr, die gleiche Prozedur wie jedes Jahr?

Sprecher 1
Was 1954 in Oberhausen als ein Fortbildungsseminar für Filmdozenten aus der Erwachsenenbildung begann, hat sich im Laufe seiner 30-jährigen Geschichte zum einzigen international anerkannten Kurzfilmfestival  in der Bundesrepublik entwickelt, zu einer Veranstaltung, auf der sich Journalisten und Filmeinkäufer einen Überblick über die Kurzfilmproduktion des vergangenen Jahres verschaffen, ein Veranstaltung, auf der Filmemacher aus aller Welt ihre neuen Arbeiten im der kurzen Form vorstellen und sie - wenn sie Glück haben - sogar mit dem Oberhausener Publikum diskutieren können.
Denn Begriffe wie 'halbleere Säle', 'verkrampfte Phantasielosigkeit' und 'konventionelles Mittelmaß' haben in den vergangenen Jahren die Situation des Oberhausener  Kurzfilmfestivals auf eine ebenso bittere wie realistische Weise umschrieben.
Trotzdem aber erscheint es falsch, zu behaupten, das ehemalige 'Mekka des Kurzfilms' sei in eine Krise geraten.
Zwar wurden in den vergangenen Jahren keine schlagzeilenträchtigen Manifeste proklamiert wie 1962, es gab auch keine festivalinternen Querelen wie den Streit um Hellmuth Costards Film "besonders wertvoll" im Jahr 1968, doch auch wenn in den Oberhausener Festivalkreisen Ruhe eingekehrt ist, ist es um die Kurzfilmtage nicht still geworden.
Als Seismograph der internationalen Kurzfilmszene funktioniert Oberhausen immer noch, muß es funktionieren, wenn es nicht seine Existenzberechtigung verlieren will. Nur sind die aufgezeigten Trends nicht mehr so spektakulär wie die umfangreichen Präsentationen von Filmen aus dem Ostblock oder der Dritten Welt, mit denen sich die Festspiele unter der Leitung von Hilmar Hoffmann in früheren Jahren ihren Namen verschafften. Innerhalb der internationalen Festivalszene hat Oberhausen neben den ebenfalls auf den Kurzfilm spezialisierten Veranstaltungen in Lille, Krakau, Nyon (sic!) und Bilbao seinen Platz behauptet.

Sprecher 2
Dabei hatte 1954, als die ersten 'Kulturfilmtage Oberhausen' veranstaltet wurden, niemand daran gedacht, ein Filmfestival aus der Taufe zu heben. Um Filmdozenten für die Erwachsenenbildung zu schulen, hatte die "Westdeutsche Gesellschaft für Erwachsenenbildung” zu einer offenen Arbeitstagung nicht nur Pädagogen, sondern auch Filmkritiker und ausländische Gäste eingeladen. Für das Filmprogramm der unter dem Motto "Kulturfilm – Weg zur Bildung" zeichnete der spätere langjährige Leiter der Kurzfilmtage, Hilmar Hoffmann verantwortlich.
Hoffmann, Direktor der Oberhausener Volkshochschule, stellte seine Einrichtungen, seine Initiative und seine zahlreichen Kontakte zu Filmschaffenden im In- und Ausland zur Verfügung, um geeignete Kurzfilme für das Ausbildungsprogramm zu bekommen. Schließlich präsentierte er nicht nur einen kompletten Filmkurs; sondern darüber hinaus noch eine Retrospektive der besten Dokumentar- und Animationsfilme, wie man sie in der Bundesrepublik seit dem Kriege noch nicht gesehen hatte.
1955 folgten die "Zweiten Westdeutschen Kulturfilmtage”, und mit dem Entschluss, von nun an jährlich ein Treffen durchzuführen, auf dem Kurzfilmer aus aller Welt ihre Arbeiten zeigen konnten, hatte die Stadt - ohne es zu ahnen - die Voraussetzungen für ein Festival geschaffen.

Sprecher 1
Die Oberhausener Veranstaltung hatte das Glück, genau zum richtigen Zeitpunkt zu erscheinen: der kalte Krieg der Adenauer-Eisenhower-Chruschtschow -Ära der 50er-Jahre ließen das Motto, unter dem die Kurzfilmtage 1958 antraten, als anachronistische Provokation erscheinen.
Wie sollte dieser 'Weg zum Nachbarn', wie man die Veranstaltung offiziell untertitelte, zu finden sein, wenn man, wie die Oberhausener, darunter jene Nachbarn in den Ländern des Ostblocks verstand, von denen sich auch filmpolitisch fest in die westliche Allianz integrierte Bundesrepublik strikt zu separieren versuchte?
Nachdem 1956 bereits trotz erheblicher Schwierigkeiten der polnische Filmemacher Jiří Trnka (sic!) an der Veranstaltung teilgenommen hatte, wurden 1958 zur ersten Mal die sozialistischen Länder Osteuropas als Gruppe nach Oberhausen eingeladen. Zur Ästhetik gesellte sich die Politik, und auch hier gewann die Veranstaltung besonders durch ihre couragierte Unabhängigkeit zunehmend an Bedeutung.
Entscheidende Schützenhilfe erhielt dabei der inzwischen zum Leiter der Veranstaltung avancierte Hilmar Hoffmann von der Oberhausener Oberbürgermeisterin Luise Albertz. Den Ruf der Integrität, den sich Luise Albertz in ihren Eröffnungsansprachen mit ihrer offenen und gradlinigen Position bei den Teilnehmern aus den sozialistischen Ländern schuf, bezahlte man allerdings zum großen Teil aus der Oberhausener Stadtkasse: ein vom Bundesinnenminister angebotenen Zuschuss für die Kurzfilmtage wurde abgelehnt, weil Bonn die Bedingung daran geknüpft hatte, alle eingereichten Filmproduktionen vor Veranstaltungsbeginn zu sichten.
Luise Albertz und Hilmar Hoffmann lehnten das ab. Oberhausen blieb unabhängig und unbequem, sowohl politisch als auch filmisch.

Sprecher 2
Mit der Änderung des Namens in 'Westdeutsche Kurzfilmtage' 1959 und der ein Jahr später ausgesprochenen Anerkennung als 'internationales Kurzfilmfestival mit Wettbewerb' durch den die Festivalszene überwachenden internationalen Filmproduzentenverband wurde das Ende der Gründungsphase eingeläutet.
Oberhausen hatte sich damit nicht nur als Forum für Filmemacher aus Ost und West etabliert, die im Wettbewerb um die Auszeichnungen der "Internationalen Jury" konkurrierten; das Festival hatte auch für die Filmwirtschaft an Attraktivität gewonnen. Das Diskussionsforum entwickelte sich zum Marktplatz, auf dem Kurzfilmkunst zwischen Herstellern, Verleihern und Fernsehanstalten gehandelt wurde.
In Oberhausen zeigten renommierte Filmer wie John Grierson aus Großbritannien, Ben Haanstra aus den Niederlanden oder Jean Mitry aus Frankreich ihre Arbeiten, zugleich waren in den Programmen aber auch zahlreiche junge Filmemacher vertreten, die  am Anfang ihrer internationalen Anerkennung standen: Roman Polanski, Walerian Borowczyk   und Jan Lenica gehörten zu Entdeckungen, genauso wie Alexander Kluge, Werner Herzog oder Istvan Szabo.

Sprecher 1
Das Wort vom 'Mekka des Kurzfilms' machte die Runde,  je umfangreicher und umfassender die Kurzfilmtage von Jahr zu Jahr wurden. Neue Mitveranstalter und Finanzträger wurden gewonnen, die die Unabhängigkeit der Kurzfilmtage von bundesstaatlicher Förderung sicherten, zugleich reizte die immer größer werdende Zahl der in Oberhausen verliehenen Preise auch zu immer größerer Beteiligung. Schon seit 1960 vergab die offizielle "Internationale Jury" jeweils einen Haupt- und zwei Nebenpreise sowie zehn undotierte Diplome, daneben verlieh die internationale Filmkritik ihren FIPRESCI-Preis. 1965 war erstmals die Jury der katholischen Filmarbeit mit ihrer Festivalauszeichung in Oberhausen vertreten, ein Jahr darauf folgte die evangelische
Filmorganisation INTERFILM.

Sprecher 2
"Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen!" erklärten 26 junge deutsche Regisseure 1962 auf den mittlerweile 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen.
Oberhausen war ein Ort, an dem man die Stimme erheben konnte, und in ihrem 'Oberhausener Manifest' forderten Regisseure wie Alexander Kluge, Edgar Seitz, Peter Schamoni und andere in Anlehnung an die französische 'nouvelle vague' und das brasilianische 'cinema novo' den deutschen Autorenfilm, einen Film, frei von der Beeinflussung durch kommerzielle Partner, frei von der Bevormundung durch Interessensgruppen, abseits aller Genre-Grenzen und festgelegter ökonomischer oder dramaturgischer Regeln.
Anders als die Berlinale, auf der sich ja die abgelehnte etablierte Filmkunst ein Stelldichein gab, war Oberhausen als Treffpunk des Nachwuchses der richtige Ort für die kaum kaschierte Forderung noch Förderung. Wenn sich ohnehin von wirtschaftlichen Krisen geschüttelte deutsche Filmwirtschaft auch wenig beeindruckt von dem 'Oberhausener Manifest' zeigte, konnten die Oberhausener Rebellen doch zumindest die Gründung des 'Kuratoriums deutscher Film' im Jahr 1965 und das 1968 erstmals in Kraft getretene Filmförderungsgesetz als Maßnahmen verbuchen, an deren Schaffung sie Anteil hatten.

Sprecher 1
Hatten die Jungfilmer 1962 mit ihrem Manifest auf eine strukturelle Krise der deutschen Filmwirtschaft aufmerksam gemacht, so sorgte 1968 die Auseinandersetzung um Hellmuth Costards Wettbewerbsbeitrag "besonders wertvoll" dafür, dass die Kurzfilmtage selbst ins Licht der Kritik gerieten.
Der 10-Minuten-Streifen, der das höchste Prädikat der Wiesbadener Filmbewertungsstelle ironisch als Titel missbrauchte und sich in sicherlich geschmacklich angreifbarer Form mit dem gerade verabschiedeten Filmförderungsgesetz beschäftigte, wurde, nachdem er bereits von der Auswahlkommission als Wettbewerbsbeitrag programmiert worden war, von Festivalleiter Hilmar Hoffmann aus den Programm genommen.
Hoffmanns Entscheidung war eine heftig und ausführlich geführte öffentliche Diskussion um den angeblich obszönen Inhalt des Beitrages vorausgegangen, und obwohl er den Film  den Festival-Gästen in einer als 'studentisches Seminar' deklarierten Sonderveranstaltung an der Bochumer Ruhr-Universität zugänglich machte, blieb der Vorwurf bestehen, er habe sich als Vorsitzender der laut Reglement unabhängigen Festivalkommission äußeren politischen Einflüssen gebeugt.

Sprecher 2
In spontaner Solidarität zogen deutsche und ausländische Regisseure ihre Festivalbeiträge zurück, die 14. Kurzfilmtage waren geplatzt, das Restprogramm wurde nur noch der Form halber projiziert. Die Diskussion um die Abhängigkeit oder Unabhängigkeit der Festivalkommission allerdings ging weiter. Dass angesichts der großen Zahl der Jahr für Jahr angemeldeten Filme eine Auswahl dessen, was letztlich vorgeführt werden sollte,  notwendig war, blieb unbestritten. Die Frage war nur, in welcher Form die Vorauswahl stattfinden sollte, die Frage war, ob die Oberhausener Festivalkommission nur so lange frei und unabhängig sei, solange sie von dieser Freiheit keinen unvorhergesehenen Gebrauch mache. Besonders der Journalist Uwe Nettelbeck, selbst Mitglied des Gremiums, behauptete, Oberhausen habe bewiesen, dass es sich den Luxus einer unabhängigen Auswahlkommission nicht leisten könne, ja dass eine Vorauswahl in Wahrheit die Aufgabe habe, schwierige und kontroverse Filme aus dem Programm fernzuhalten.
Die Lösung, mit der solche Vorwürfe entkräftet und die verärgerten Regisseure im folgenden Jahr wieder zur Teilnahme gewonnen werden sollten, hieß "Informationstage zu den Westdeutschen Kurzfilmtagen" und trug alle Züge einer nationalen deutschen Festspiels vor dem eigentlichen Festival.

In einem "Versuch totaler Demokratie", der auch den antiautoritären Tendenzen der aufbrechenden Studentenbewegung entgegenkam, wurden auf den ersten Informationstagen 1969 alle zum Oberhausener Festival gemeldeten deutschen Filme einem Plenum von Filmschaffenden und Filmkritikern vorgeführt, das mit  Mehrheitsentscheid eine Festivalprogrammierung gewährte oder ablehnte.
Aber schon bei den zweiten Informationstagen 1970 griffen auch hier die gewohnten Festivalusancen. Zwar traf immer noch ein Plenum die Entscheidung über eine Wettbewerbsprogrammierung, doch besorgte ein zehnköpfiges Vorauswahlgremium zuvor die Reduzierung des eingereichten Materials auf ein zu bewältigendes Maß. Im Gegensatz dazu befreiten sich die Kurzfilmtage von Reglement-Ballast: ohne Genre-Zuordnung konnten fortan sämtliche Produktionen mit einer Länge bis zu 35 Minuten gemeldet werden, die im weitesten Sinne dem beibehaltenen Motto "Weg zum Nachbarn" entsprachen.
Ein Jahr darauf – 1971 - wurde nach einem Jury-Eklat die 'Internationale Jury' mit der seit 1962 amtierenden 'Volkshochschuljury' zur heutigen "Internationalen Jury des deutschen Volkshochschulverbandes" zusammengefasst und mit der Aufgabe der offiziellen Preisverleihung betraut.

Sprecher 2
Als Hilmar Hoffmann die Westdeutschen Kurzfilmtage 1972 verließ, war aus dem Filmer-Treffpunkt der späten 50er-Jahre ein Festival mit einem breit angelegten Veranstaltungsspektrum und einer Vielzahl von Stiftern und Trägern geworden. Zweieinhalb Jahre standen die Kurzfilmtage unter der Leitung von Hilmar Hoffmanns Programmreferenten Will Wehling, nach dessen überraschenden Tod unmittelbar vor dem Festival 1975 übernahm der Filmjournalist Wolfgang Ruf den Posten des Festivaldirektors.

Sprecher 1
Als eine Veranstaltung der Stadt Oberhausen, des Deutschen Volkshochschulverbandes, des Landesverbandes der nordrhein-westfälischen Volkshochschulen, finanziert durch kommunale Institutionen und Verbände, kirchliche und halbkirchliche Einrichtungen und unterstützt durch den Westdeutschen Rundfunk und das Zweite Deutsche Fernsehen haben sich die Westdeutschen Kurzfilmtage im Augenblick weniger um wirtschaftliche Probleme zu sorgen als um inhaltliche - zumal neben einer Reihe von Sponsoren aus der Privatwirtschaft mittlerweile auch der Bundesinnenminister einen jährlichen Zuschuss überweist

Sprecher 2
Bevor am 25. März der Internationale Weltbewerb mit seinen zahlreichen Sonder- und Nebenveranstaltungen in der Oberhausener Stadthalle eröffnet wird, finden vom 22. bis zum  24. März die Informationstage statt, auf denen die des Festivalkommission aus einem breiten Querschnitt neuer bundesrepublikanischer Kurzfilme die deutschen Teilnehmer am Festival bestimmt.
Die Unabhängigkeit der Festivalkommission wird längst nicht mehr von den Filmemachern diskutiert, die nach Oberhausen drängen, um ihre Arbeiten vorzustellen. Der Versuch der 'totalen Demokratie' den man 1969 auf den ersten Informationssagen wagte, ist längst auf das Maß üblicher Gremienentscheidungen zurückgeschraubt worden. Es werden nicht mehr alle zu den Informationstagen gemeldeten Filme projiziert - eine Auswahlkommission aus Vertretern der Kurzfilmtage, Filmkritikern und Gewerkschaftsvertretern stellt ein 16-stündiges Programm zusammen, aus dem die Festivalkommission eine Auswahl trifft. Darüber hinaus sind die Informationstage, inzwischen von der Arbeitsgemeinschaft der Filmjournalisten auch mit einem eigenen Preis ausgestattet, auf dem besten Wege, ein nationales Kurzfilmfestival zu werden.

Sprecher 1
Über die Programmierung des lnternationalen Festivals entscheidet die Festivalkommission, bestehend aus dem Festivalleiter Wolfgang Ruf, zwei Vertretern der veranstaltenden Volkshochschulverbände und vier Filmkritikern.
Über die Vergabe der offiziellen Auszeichnungen – des 'Großen Preises der Stadt Oberhausen' und mehrerer Förderpreise entscheidet die vom deutschen Volkshochschulverband berufene 'Internationale Volkshochschuljury' unter Vorsitz des polnischen Regisseurs Jerzy Bossak.
Getreu dem Motto, dass ein Festival Preise zur Steigerung seiner Attraktivität braucht, werden auch diesmal eine Vielzahl von Sonderjuries politischer und konfessioneller Organisationen ihre Auszeichnungen vergeben.

Sprecher 2
So beispielsweise die Jury des Kultusministers von Nordrhein-Westfalen, die den besten Film mit einem bildungspolitischen Inhalt mit 5000 DM prämiert; die Jury der internationalen Filmkritik, die den Fipresci-Preis verleiht und die Vertreter des Internationalen Filmclubverbandes, die ebenfalls eine Auszeichnung verleihen. Dazu kommen die Preise der Jury der katholischen Filmarbeit, der INTERFILM-Preis des Evangelischen Filmzentrums, der Preis der Jungsozialsten Nordrhein-Westfalen, der Preis des Kinder- und Jugendfilmzentrums in der Bundesrepublik, der Preis der Filmothek der Jugend und - last but not least - der Preis der Mitarbeiter der Kurzfilmtage für einen Film, der von den anderen Juries übersehen worden ist.

Sprecher 1
Aber gerade die erdrückend anmutende Preisfülle ist es, die die Westdeutschen Kurzfilmtage zu einem interessanten Festival für Filmemacher aus aller Welt werden lässt. An mehr als einem Beispiel lässt sich belegen, dass eine Auszeichnung in Oberhausen einen Film und seinen Macher über fachkritischen Zirkel hinaus bekannt gemacht hat. Auszeichnungen bedeuten für die Filmeinkäufer der staatlichen und konfessionellen Bildungseinrichtungen, die Fernsehredakteuren und die kommerziellen Verleiher ein Qualitätssiegel über dessen Zustandekommen als Geschmacksurteil einer mehr oder minder zufällig zusammengesetzten Jury kaum noch reflektiert wird.

Sprecher 2
Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen wird Oberhausen auch dieses Jahr nicht auf der Zug der neuen Medien aufspringen, werden außer in Sonderveranstaltungen keine Videoproduktionen vorgeführt werden. Festivalleiter Wolfgang Ruf setzt voll und ganz auf das Zelluloid und führt die Veranstaltung als vielfältigen Kurzfilm-Bazar in ihr dreißigstes
Jahr. Halbleere Säle, flaue Filme und müde Diskussionen wären dabei weniger Anzeichen für eine Krise des Festivals als für einen Mangel an sehens- und preiswürdigen Kurfilmen Ein Festival kann stets nur so gut sein wie die Filme, die es präsentiert - und gäbe es zum gegenwärtigen Zeitpunkt wirklich außergewöhnliche Kurzfilme, innovative Leistungen und interessante Experimente vorzuführen, dann gehörte Oberhausen sicherlich den ersten, die dies tun würden - allein schon um die Existenzberechtigung des Festspiels unter Beweis zu stellen.

Sprecher 1
Doch zumindest in der Bundesrepublik, so scheint es, hat der Kurzfilm in den vergangenen Jahren seinen Charakter als 'Sprungbrett' für junge Filmemacher verloren, nicht zuletzt auch wegen der immer kleiner werdenden Abspielbasis, die diese Produktionen in die Nischen der nichtgewerblichen Spielstellen, der Erwachsenenbildung und der konfessionellen Filmarbeit drängt.
Mit der einfachen Videotechnik eigen sich darüber hinaus alternative, politisch arbeitende Mediengruppen immer stärker jede Bereiche an, die der Kurzfilm in seiner Blütezeit für sich beanspruchte: die Gegeninformation, die Verwendung des Mediums als Kommunikationsapparat. Deutlich ist in den Programmen des Kurzfilmfestivals zu erkennen, wie man sich gegen diese überwiegend publizistische Videoproduktion abzugrenzen versucht: der Kurzfilm wird als künstlerische Möglichkeit zur Bewältigung von Wirklichkeit betrachtet, filmische Umsetzung und Filmästhetik sollen das dokumentarische 'Kino der sprechenden Köpfe' ablösen, das eine Zeitlang auf den Kurzfilmtagen gepflegt wurde.
Was dem Oberhausener Festival bleibt, formuliert die offizielle Ankündigung realistisch als den immer wiederkehrenden Versuch, einen weit gespannten Überblick der internationalen Kurzfilmproduktion zu vermitteln.
Oberhausen ist und bleibt darüber hinaus ein Treffpunkt von Filmemachern und Kritikern unterschiedlichster Herkunft, ein Ort, an dem man die Stimme erheben kann, genau wie es die Unterzeichner des Oberhausener Manifestes 1962 taten. Besonders in Anbetracht der Wende in der Filmpolitik des Bundesinnenministers werden die Kurzfilmtage in diesem Jahr neben der Berlinale ein Ort sein, an dem die Bilanz der jüngsten Entwicklungen gezogen werden kann, ein Ort, an dem möglicherweise
auch Position bezogen wird.
Oberhausen ist und bleibt aber auch ein Marktplatz des Kurzfilms, des Nadelöhr, durch das eine Vielzahl von Produktionen in die Fernsehprogramme schlüpft oder in die Verleihkataloge, die Angebotslisten der Landeszentralen für politische Bildung oder anderer Bildungseinrichtungen.
Mit dieser Vorzug und dem Bonus des vom internationalen Filmproduzentenverband verliehenen A-Status brauchen die Westdeutschen Kurzfilmtage wohl kaum um ihren Bestand zu fürchten.
Die Erwartung sensationelle Neuentdeckungen, wie sie durch den Oberhausener Schritt nach Osten  in der Mitte der fünfziger Jahre gemacht werden konnten, sollten allerdings zurückgeschraubt werden.
Nachdem die Westdeutschen Kurzfilmtage nicht unmaßgeblich an der letzten Erschließung filmischen Neulandes in Afrika und der Dritten Welt beteiligt gewesen sind, ist man mit einem der diesjährigen Programmschwerpunkte, den 'Filmen aus der DDR' vor die eigene Haustür zurückgekehrt.

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Sach- und Faktenstand 1984


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