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1.4.15

Das aktuelle Krimi-Ranking:
Die elf besten Amnesie-Krimis

Platz 11
Evan Hunter
Schock (Buddwing, 1964)

Wann und wo? USA, New York, Anfang der 1960er
Wer vergisst was? An einem Samstagmorgen wacht ein Mann auf einer Bank in Central Park auf und stellt fest, dass er keine Ahnung hat, wer er ist. Er trägt einen teuren Anzug, in dem er lediglich ein Adressbuch mit einer einzigen Telefonnummer findet. Der Mann nennt sich "Sam Buddwing" und macht sich auf die Suche nach seiner Identität.

Insgesamt: Sigmund Freud trifft noir. Früher, an den Mainstream angelehnter Roman des späteren EdMcBain. Bereits mit allen Qualitäten seines späteren Ich: Präzise Erzählung, lakonischer Stil, nah am Menschen.

Platz 10
John Katzenbach
Der Professor (What comes next)

Wann und wo? Neu-England, heute
Wer vergisst was? Der pensionierte Psychologieprofessor Adrian Thomas erfährt, dass er an Demenz leidet, und zwar in einer seltenen, schnell verlaufenden und nicht heilbaren Form. Adrian zieht die für ihn rational sinnvollste Konsequenz: Er wird sich töten. Doch dann wird er Zeuge eines Verbrechens. Oder bildet er sich das nur ein?

Insgesamt: Typischer Katzenbach-Roman aus dem Grenzbereich zwischen Wenn und Wahrscheinlich. Opulent erzählt, mit Blick aufs Detail und Sinn für puschelige Psycho-Spannung. Andreas Kurth von der krimi-couch meint: " Mit der Person des Professors ist John Katzenbach eine eminent starke Figur gelungen, die mit purer Willenskraft gegen eine unheilbare und unaufhaltsame Krankheit ankämpft, um ihre Mission zu erfüllen."

Platz 9
Felicitas Mayall
Wie Krähen im Nebel

Wann und wo? Rom, München, heute
Wer vergisst was? Im Eurocity aus Rom wird die Leiche einer jungen Unbekannten entdeckt. Kurz darauf findet ein Bahnarbeiter auf den Gleisen des Münchner Hauptbahnhofs einen bewusstlosen Mann. Als dieser aus dem Koma erwacht, erinnert er sich an nichts mehr. Kommissarin Laura Gottberg ist ratlos.
Insgesamt: Amnesie goes Ermittlerkrimi.


Platz 8
Meg Gardiner:
Die Strafe (The Memory Collector)

Wann und wo? San Francisco, heute
Wer vergisst was? Das Flugzeug ist kaum in San Francisco gelandet, da spielt einer der Passagiere verrückt. Er schlägt wild um sich und kann nur von zwei Mitreisenden gebändigt werden. Die forensische Psychiaterin Jo Beckett lässt den Mann untersuchen. Diagnose: Sein Gehirn ist schwer beschädigt, vermutlich durch eine Art Gift, das eine irreparable »anterograde Amnesie« verursacht.
Insgesamt: Serienroman mit der forensischen Psychiaterin Jo Beckett.

Platz 7
S.J. Watson:
Ich. Darf. Nicht. Schlafen (Before I go to sleep)

Wann und wo? Großbritannien, heute
Wer vergisst was? Christine vergisst sich selbst. Als sie aufwacht, stellt sie zweierlei fest: Ein mittelalter Mann, offensichtlich verheiratet, liegt mit ihr im Bett. Ein Blick in den Spiegel verrät ihr, dass sie nicht mehr 25 Jahre ist, sondern eher 45. Als der Mann erwacht, stellt er sich als ihr langjähriger Ehemann Ben vor. Nachdem Ben wie jeden Tag zur Arbeit gefahren ist, klingelt ihr Telefon. Dr. Nash bittet sie, ihr vor zwei Tagen begonnenes Tagebuch zu lesen. Wir erfahren, dass er ihr Therapeut ist, der ihr dabei hilft die in Amnesie verbrachten 20 Jahre wieder erinnerlich zu machen.
Insgesamt: Pageturner. Kaum gelesen, schon vergessen.

Platz 6
Michael Robotham:
Amnesie (Lost)

Wann und wo? London, heute.
Wer vergisst was? Der Londoner Inspektor Vincent Ruiz wird aus der Themse gefischt, bewusstlos und mit einer Schusswunde am rechten Bein. Acht Tage liegt der 60- Jährige im Koma - und als er aufwacht, kann er sich an nichts erinnern. Mit wem hat er sich heimlich auf einem Schiff getroffen? Wer hat auf ihn geschossen? Und warum liegt in seinem Kleiderschrank eine Tüte voll Diamanten?

Insgesamt: Ein Roman aus Michael Robothams Serie um den eigenwilligen Inspektor Ruiz und den genialen Psychologen Joe O'Loughlin. AMNESIE ist die Fortsetzung von ADRENALIN. Von der australischen Crime Writers Association wurde Amnesie zum »Crime Book of the Year 2005« gewählt.

Platz 5
Andreas Hoppert:
Die Medwedew Variante

Wann und wo? Bielefeld, heute
Wer vergisst was? Marc Hagen erwacht - und weiß nicht wer er ist. Zum Glück ist da sein Freund Gabriel, der ihm erklärt, was passiert ist und warum er jetzt mutterseelenallein in einer Wohnung Bielefeld sitzt.

Insgesamt: Wendungsreicher, ausgetüftelter Amnesie-Thriller in der Tradition von Boileau-Narcejac. Und das in Bielefeld. Chapeau!

Platz 4
Arno Strobel:
Der Trakt

Wann und wo? Regensburg, heute
Wer vergisst was? Das letzte, an das sich Sybille Aurich erinnern kann, ist, dass sie auf dem Weg nach Hause war. Gegen Mitternacht. Durch den Stadtpark....
Als sie erwacht, ist sie in einer Klinik, oder sagen wir besser: einer Art Klinik. Sie sei eine Zeitlang ohne Bewusstsein gewesen, sagt der Arzt. Wie lange? Zwei Monate.

Insgesamt: Raffitückischer Psycho-Thriller, quasi die action-orientierte Melange aus S.J. Watson (siehe oben) und Mary Higgins Clark. (siehe unten). Absolute Psycho-Spannung. Lars Schafft von der krimi-couch meint: "Durch und durch teuflisch also, dieser Strobel."

Platz 3
Philip Sington:
Das Einstein-Mädchen (The Einstein-girl)

Wann und wo? Berlin 1932
Wer vergisst was? Das EINSTEIN-Mädchen ist eine junge Unbekannte, die in Caputh in der Nähe von Albert Einsteins Haus gefunden wurde. Ein Psychiater der Berliner Charité versucht, ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen.
Insgesamt: Ein wunderbar erzählter, brillant geschriebener historischer Roman mit vielen Krimi-Elementen, zugleich ein Gesellschaftsbild der dreißiger Jahre

Platz 2
Martin Suter:
Ein perfekter Freund

Wann und wo? Schweiz, heute
Wer vergisst was? Durch eine rätselhafte Kopfverletzung hat der Journalist Fabio Rossi eine Amnesie von fünfzig Tagen. Als er seine Vergangenheit zu rekonstruieren beginnt, stößt er dabei auf ein Bild von sich, das ihn zutiefst befremdet.
Insgesamt: Auf Literatur gedrehter Amnesie-Roman. Dennoch leicht und unterhaltsam zu lesen.

Platz 1
Mary Higgins Clark
Lauf, Jane Lauf (See Jane run)

Der Klassiker aus 1992
Wann und wo? Boston, heute (also 1992)
Wer vergisst was? Mittelstandsfrau Jane Whittaker vergisst beim Einkaufen, wer sie ist. Woher kommt das Geld in ihren Taschen? Das Blut an der Kleidung. Wer ist dieser Mann, den man ihr als ihren Ehemann vorstellt? Was sind das für Medikamente, die ihr angeblich helfen sollen?

Insgesamt: *Der* Anmesie-Klassiker an sich bündelt die Ängste moderner Frauen, nicht mehr mit sich selbst identisch zu sein und stellt die ewige Frage "Wer bin ich, und warum?" Sinnsuche im TV-Movie-Format.

(Text: Reinhard Jahn, mit Material von amazon.de, krimi-couch.de und der Telefonischen Mordsberatung)

16.6.13

Selbstversuch
Simon Beckett: Verwesung 4/4

Simon Beckett: Verwesung 4/4
Kap 1 bis 7
Kap 8 bis 15
Kap 16 - 23
Kap 24 bis Ende

- Achtung S P O I L E R -
Ja, es kommt alles irgendwie wie man es sich gedacht hat. Dass unser Held sich aus dem Höhlengewirr und der Gewalt von Monster-Monk wird befreien können, ist klar - schließlich erzählt er uns die Geschichte in der Ich-Perspektive. Dass zum Ende hin alles anders ist als es anfangs schien - nein : als man es uns von Anfang an weißmachen wollte! - ist auch klar. Monk erzählt also, während der Hunter und Sophie in seiner zugemüllten Höhle gefangenhält, dass er unschuldig ist - also fast - jedenfalls an den Morden der Mädchen, deren Gräber man nie gefunden hat. Und dass er eine schwere Kindheit hatte und eigentlich ein ganz Lieber ist und bla. Dass er ein ganz Lieber ist, zeigt sich, als er dann Hunter hilft, die schwer kranke Sophie aus der Höhle zu bringen. Wobei man sich fragt, wie der dicke Monk es schafft, durch die engen Spalten zu kriechen, durch die vorher Hunter grade so mit Mühe durchgekommen ist.

Die Lieblosigkeit - oder soll man sagen Hilflosigkeit, mit der der Autor hier zu Werke geht, zeigt sich besonders deutlich in dem Monk-Geständnis-Kapitel: da springt Erzähler Hunter einfach weit aus seiner bisherigen nahen - szenischen - Perspektive heraus und fasst referierend zusammen, was es über Monk zu erzählen gibt: Schwere Kindheit, reingelegt bei den Morden und so weiter. Halbwegs elegant kriegt der Erzähler dann wieder die Kurve zur szenischen Darstellung in der Höhle - aber dabei merken wir auch, dass Monster-Monk sicher nicht in der Lage gewesen wäre, so eine gut strukturierte Darstellung seines Schicksals zu geben, wie Hunter es soeben tat. Monk kann sich - wenn er in Dialogen spricht - nicht richtig ausdrücken - und wir sollen glauben, dass er die drei, vier Seiten Zusammenfassung, die wir vorher gelesen haben, in knappen zehn Minuten, die die Szene an Zeit abdeckt, an Hunter weitergegeben haben soll? Never ever.

Anyway - Hunter und Sophie werden gerettet und wir warten auf das oder den Showdown, der - wir lassen mal ein, zwei Zwischenschritte aus - genau so kommt, wie gedacht: Connors ist der Bösewicht, der seinerzeit die drei Mädchen getötet und die Morde Monk untergeschoben hat. Der Showdown wird in einer lässigen 08/15-Routine inszeniert, wie wir sie aus Movie-of-the-Week-Fernsehfilmen kennen:

1. nochmal ein falscher Verdacht (hier der Bulle Roper, der in Sophies Brennofen rumwühlt, als Cliffhanger fungiert und sich dann als wichtiger Hinweisgeber und Zeuge offenbart, der all die Indizien nachliefert, die wenigstens den Anschein einer Logik der Handlung erwecken.)
2. Auftritt des Bösewichts - der den wichtigen Zeugen niederschlägt (war doch so, oder?) und dann den Helden töten will, weil der als wichtiger Zeuge im Weg ist. Zuvor erklärt er noch, wieso der Held im Weg ist und jetzt getötet werden muss. Das wickelt ein versierter Autor üblicherweise im Dialog Bösewicht-Held ab, und genau so passiert es hier.
3. Bösewicht wird ausgeschaltet. Hier auf die ganz simple Tour, indem er stirbt. Das spart kleinkrämerische weitere Erklärungen, Verhaftungen, und so weiter und ist als Gottesurteil zugleich die Strafe für den Bösewicht (den ein Gericht bei *dieser* Indizienlage niemals verurteilt hätte.)
4. In einer sich zunächst als ruhige Abschlussszene gebenden finalen Szene wird die Story nochmal ein bisschen gedreht: hier ist das die Aufhellung von Sophies Rolle in der ganzen Sache. Das ist reine Taschenspielerei, der Roman könnte auch ohne diese Szene enden, keiner würde sich beklagen oder etwas vermissen.

Fazit: So wie nach der Lektüre des Buches muss man sich irgendwie fühlen, wenn man bei einer Prostituierten war. Du hast den Kick oder so gesucht, sie hat ihn dir versprochen, sie hat dich heiß gemacht, es war allerdings schon absehbar, was dann weiter passieren würde, und das ist dann auch passiert, und du hast den Kick nicht gehabt, sondern nur das blöde Gefühl, dass hier jemand seinen Job mit dir erledigt.
Well done, Mister Beckett. Ich nehme an, Extras kosten extra, oder?


Simon Beckett:
Verwesung (The calling of the grave)
Deutsch von Andre Hesse
Reinbek: Wunderlich, 2011

Selbstversuch:
Kap 1 bis 7
Kap 8 bis 15
Kap 16 - 23
Kap 24 bis Ende

Selbstversuch
Simon Beckett: Verwesung 3/4

Simon Beckett: Verwesung 3/4
Kap 1 bis 7
Kap 8 bis 15
Kap 16 - 23
Kap 24 bis Ende

Wie erwartet hat der Autor den guten Professor Wainwright als spannungsförderndes Opfer geopfert - wie David Hunter gemeinsam mit Sophie entdeckt. Bei den Ermittlungen zum Tod des Profs tauchen jetzt noch die restlichen Figuren des Prologs auf, die wir bisher zwar nicht vermisst haben, die aber wohl der Vollständigkeit halber auch wieder da sein müssen: Detective Chief Superintendent Simms, der mittlerweile Assistent Chief Constable geworden ist (ja, ich liiiebe diese Titel), was vom Übersetzer wahlweise mit "stellvertretender Polizeipräsident" und "stellvertretender Polizeichef" wiedergegeben wird. Und als Funktionsfigur - so sieht es jedenfalls bis jetzt aus - ist auch der Bulle Roper wieder da, ein Ex-Kumpel von Terry Connors.

Der wiederum - erfahren wir - hat Hunter zuletzt ganz schön verarscht - er ist gar nicht bei der Fahndung nach Monk beteiligt, sondern schon lange degradiert und jetzt sogar suspendiert, weil er Kolleginnen belästigt und gesoffen hat (oder umgekehrt). Sowas merken wir uns als Krimileser natürlich sofort, weil es mit einiger Sicherheit darauf hindeutet, dass Connors bei der Auflösung/dem Finale eine wichtige Rolle spielen wird. Beim weiteren Hin- und Hergeschiebe der Figuren kommt noch raus, dass Conners damals was mit Sophie hatte. (Auch das merken wir uns!).
Irgendwie sollte ich jetzt wohl

VORSICHT SPOILER
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schreiben. Obwohl eigentlich - abgesehen von Hin- und Herfahrerei in der Dartmoor-Gegend - kaum was passiert. Hunter will eigentlich nach London zurück - ganz besonders nachdem man Sophie polizeilicherseits zwei tapfere Bodyguards gestellt hat, die dermaßen lustlos routiniert eingeführt werden, dass sie eigentlich selber riechen müssten, dass sie knapp 20 Seiten später geopfert werden - als nämlich Monk - mit Details halten wir uns hier nicht auf - endlich Sophie in seine Gewalt bringt - und Hunter sie sich im total nebligen Moor auf der Suche nach ihr in einer Höhle verirrt und auf einmal dort festsitzt. Um es mal so zu sagen: ich hab ein paar Fünf Freunde-Bücher gelesen, die spannender waren als das, was ich hier bisher erlebt habe. Mit Sophie in Monks Hand und Hunter in auswegloser Lage hat der Autor jetzt alles für den oder das showdown in Stellung gebracht. Ich erwarte: noch mehr düstere Höhlengeschichten bis Hunter und Sophie sich wieder finden und dann irgendeine Auflösung - ja, von was eigentlich? - bei der sich rausstellt, dass alles gar nicht so war, wie wir gedacht haben, sondern ganz anders. Und langsam wird mir auch klar, wieso das Buch bisher so langweilig - also spannungsarm - ist: Unser Held und Erzähler steht eigentlich die ganze Zeit am Rand. Er handelt nicht, er wird meist nur behandelt. Er ist nicht an der Suche/Fahndung nach Monster-Monk beteiligt. Er hat auch kein erklärtes Interesse daran, den Monk zu fassen. Wieso auch? Er hat sich von Sophie nach Dartmoor locken lassen, ohne dass er etwas von ihr will. Er lässt sich - ehrlich gesagt - von ihr die ganze Zeit verarschen, ohne dass das auch nur ein einziges Mal thematisiert wird. Das einzig wirklich emotionale Interesse, das Hunter und wir mal haben, ist bei der Geschichte von Connors und dessen Versuch, Hunters Frau anzugraben.

Weshalb ich vermute, dass Connors sich Ende als Showdown-Gegner von Hunter entpuppen wird, wie auch immer Beckett es schafft, die Handlung dahin zu drehen. Also schaun wir mal - der Blick auf die Kapitelanzeige sagt mir, dass wir morgen zum letzten Teil des Selbstversuchs kommen.

Lieblingssatz: "Ich saß fest."


Simon Beckett:
Verwesung (The calling of the grave)
Deutsch von Andre Hesse
Reinbek: Wunderlich, 2011

Selbstversuch
Kap 1 bis 7
Kap 8 bis 15
Kap 16 - 23
Kap 24 bis Ende

Selbstversuch
Simon Beckett: Verwesung 2/4


Simon Beckett: Verwesung 2/4
Kap 1 bis 7
Kap 8 bis 15
Kap 16 - 23
Kap 24 bis Ende

Nach so einem Prolog könnte es ja losgehen. Mit einer Geschichte. Geht es aber nicht. Stattdessen klappert Mister Beckett nochmal das ganze Personal aus dem überlangen Einleitungsteil ab. Okay, inzwischen ist viel Zeit vergangen - acht Jahre. David Hunter hat seine Frau und sein Kind verloren und lebt jetzt allein und meist tief unten in seinem Pathologenkeller. Was jetzt als Impuls in die Story eingebracht wird ist - Überraschung! - dass der böse Monk aus dem Gefängnis ausgebrochen ist. Und schlagartig taucht Sophie Keller wieder aus der Vergangenheit auf - mit einem dieser Anrufe, die man in Krimis unbedingt verbieten sollte: "Nicht am Telefon. Wir müssen uns treffen!" Nicht: "Komm her, ich will, dass du was für mich erledigst!" Oder "Komm her, ich hab Angst, alleine zu sein!" Nein - "Wir müssen uns treffen!"
Und ich sag noch: Geh da nicht hin, du Depp - da ist Hunter schon unterwegs - 300 Kilometer nach Dartmoor (wohin sonst - Engführung des geographischen Motivs! Bzw: wieso ein neues setting erfinden, wo wir das alte nochmal verwenden können?) und findet - Überraschung! - Sophie niedergeschlagen und so weiter. Um noch die anderen Personen aus dem Prolog abzuklappern, sucht Hunter dann Professor Wainwright auf - oder besser das, was die Demenz von ihm übrig gelassen hat. Von ihm bekommt er offenbar das erste Rätsel gestellt, das Romanhelden lösen müssen - dieses "Fallwild", das der alte Mann brabbelt - und es sollte mich nicht wundern, so überflüssig, wie der Besuch bei ihm ansonsten ist - dass der guten alten Prof bald das Zeitliche segnet, wenn wir ganz dringend eine spannungsfördernde weitere Leiche brauchen. Dann wird's noch ein bisschen mysteriös-gruslig, als die gerettete Sophie Hunter beschwatzt, ihr bei der Suche nach den Gräbern von Monks verschwundenen Opfern zu suchen und die beiden ihm dabei im nebligen Dartmoor fast gegenüberstehen - grusel-grusel. Irgendein Rezensent hat geschrieben, Beckett schiebe seine Figuren irgendwie ohne Sinn und Verstand hin und her - jetzt weiß ich, was er damit gemeint hat. Fast 8 Kapitel, in denen fast *gar nichts* passiert (außer: "Möchten Sie Tee?"), außer dass Sophie und Hunter sich jetzt duzen und die spannendste Frage bisher ist, wann die beiden endlich in der Kiste landen.

Lieblingssatz: "Offenbar war Sophie der Typ Frau, dem das Alter nicht viel anhaben konnte." Das macht 5 Euro für die Chauvikasse.

Damit wir uns nicht missverstehen: "Verwesung" ist sauber, aber eben unambitioniert erzählt, genau wie "GZSZ" saubere, aber unambitionierte Unterhaltung ist. Das meine ich mit den "Standardsituationen" und dem Herumgeschiebe von Figuren. Es ist im Grund egal, ob das hier ein David Hunter-Roman ist oder ein Roman irgendeines anderen Autors. Die Erzählung kann man "unaufgeregt" oder "angenehm entschleunigt" nennen, wenn man das Wort "langweilig" vermeiden möchte: Da wird jede Tür auch geschlossen, wenn sie geöffnet wurde, da wird jedes Wagen auch erst angelassen, ehe man losfährt: dieses ewige und-dann-und-dann wirkt entweder entspannend oder ermüdend. Auf jeden Fall ist es ausgezeichnet für die Leser, die im Zug oder der Straßenbahn lesen, weil man immer genau weiß, wie und wo die Szene gerade ist.

Was mir noch an diesem Hunter aufgefallen ist: er ist irgendwie weibisch, pardon: frauenaffin, weil er uns Lesern immer erklärt wie er sich gerade fühlt (bzw er behauptet, das seien seine Gefühle: Schrecken, Angst, Müdigkeit etc) und er auch immer erklärt, was er für seine aktuellen Gesprächspartner fühlt: Sympathie oder Antipathie. Das ist die typische Masche von chick-lit. PS: Ich hab jetzt weitergelesen und siehe da - offenbar wird unser dementer Prof Wainwright eine schöne zweite Leiche.


Simon Beckett:
Verwesung (The calling of the grave)
Deutsch von Andre Hesse
Reinbek: Wunderlich, 2011

Selbstversuch:
Kap 1 bis 7
Kap 8 bis 15
Kap 16 - 23
Kap 24 bis Ende

Selbstversuch
Simon Beckett: Verwesung 1/4

Simon Beckett: Verwesung 1/4
Kap 1 bis 7
Kap 8 bis 15
Kap 16 - 23
Kap 24 bis Ende

Bevor es losgeht, gehts es erstmal mit dem obligatorischen "Prolog" los, ohne den ja heute kein ordentlicher Krimi mehr auskommt.
Also, das Vorspiel, für das Mister Beckett sich echt viel Zeit und Platz nimmt: Wir erleben, was unserem Helden David Hunter vor acht Jahren geschah.
Herausgerissen aus der Idylle seiner Frühstücksmargarine-Werbung verschlug es ihn ins düstere Dartmoor, wo es eine Torfleiche zu identifizieren gilt, die der böse böse Mörder Monk (was für ein Name!) vor Jahren hinterlassen hat. Alles dient hier wohl nur dazu, das Personal in für die weitere Geschichte einigermaßen abwechslungsreich in Stellung zu bringen: David Hunter als Helden, Sophie Keller, die "psychologische Ermittlungsberaterin", natürlich Jerome Monk, der nicht nur als böse-böse-böse beschrieben wird, sondern auch mit allen körperlichen Absonderlichkeiten ausgestattet wird, die wir uns denken können. Grusel. Aber okay - ein Thriller ist kein Pferdebuch. Fachlich wird schließlich der lästige Professor Wainwright als Kontrahent von Hunter ins Feld geführt, der dreist Hunters Erkenntnisse für sich okkupiert. Von der Polizei (schließlich lesen wir einen Krimi!) kommen Detective Chief Superintendent (ich liebe diese Titel!) Simms und sein Stellvertreter Detective Terry Connors aufs Spielfeld, wobei letzterer bei aller Farblosigkeit der Schilderung dennoch ein irgendwie schmieriges Bild hinterlässt. Zu recht, wie wir am Ende des Prologs erkennen müssen.

Was passiert weiter? Man hat jetzt eines der Opfer des inzwischen verurteilten Monk gefunden und geht auf dessen Angebot ein, die Verstecke der beiden noch fehlenden Opfer im Moor zu verraten.
Bei dem Lokaltermin in Moor versucht Monk zu fliehen und kann nur unter Aufbietung aller polizeilichen Kräfte (und Opferung eines Polizeihundes!) wieder eingefangen werden. Was soll das alles? Die Geschichte tut so, als käme sie in Gang, stagniert aber auf weiten Strecken.

Bodycount: Standardsituationen allerorten: Forensiker am Grab, ausgraben von Leichen. Polizeiaktionen, die nicht mehr als Routine sind, werden auch so geschildert.
Aber was vor allem auffällt: Man erfährt nichts über unseren Helden. Und das, obwohl er ein Ich-Erzähler ist - Chapeau für diese Leistung, Mister Beckett. Auch hier wird alles auf Standardsituationen aus Rosamunde-Pilcher-Filmen heruntergebrochen: David liebt seine Frau (logisch), seine Tochter (auch logisch) und seinen Beruf (superlogisch). Wär das Buch ein deutscher Fernsehfilm, würde Hunter garantiert von Veronica Ferres gespielt.

Lieblingssatz bisher: "Aber er wusste auch, dass es mein Problem sein würde und nicht seins."

Simon Beckett:
Verwesung (The calling of the grave)
Deutsch von Andre Hesse
Reinbek: Wunderlich, 2011

Selbstversuch:
Kap 1 bis 7
Kap 8 bis 15
Kap 16 - 23
Kap 24 bis Ende